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Dalzarone zitterte vor Erregung am ganzen Körper. Nun war der feierliche Moment endlich gekommen. Die Flammen, die sich vom Waldboden an den dicken Stämmen der Fichten bis in Ihre Kronen empor gefressen hatten, knisterten und knackten. Das Feuer hatte ihn nun eingeschlossen, und dicke undurchdringliche Schwaden weißen, beißenden Rauchs quollen auf die kleine Lichtung, die das Feuer vom Hain noch übrig gelassen hatte. Er war nun allein mit der Hirschkuh und ihren Kitzen, die panisch von einer Ecke der Lichtung zur anderen liefen, erfolglos nach einem Ausweg suchend. Er konnte Ihre Angst riechen und ergötzte sich an der Hilflosigkeit dieser unbedeutenden Wesen.

Dies war nicht das erste mal, das er die Flammen beschworen hatte. Das erste Mal lag Jahre zurück, als in einem trockenen Sommer ein Feuer, das er entfacht hatte, plötzlich auf eine Dornenhecke über gesprungen war. Er hätte sie damals rasch löschen können, doch eine ungeahnte Faszination ging von den unkontrolliert sich ausbreitenden Flammen aus, und ihm war, als ob eine seltsame fremde Stimme leise aus dem Busch heraus zu ihm sprach. Gefesselt von diesem Erlebnis suchte er immer wieder Antworten in den Flammen, versuchte diese zu verstehen. Büsche und Hecken waren die ersten Versuche, die Geheimnisse des Flüsterns, das aus dem Knistern und Knacken der Flammen zu ihm drang, zu verstehen. Freilich tat er dies versteckt, den die Hüter der Wälder beobachteten ihn - und er war zu ihnen gekommen um einer von ihnen zu werden. Um mehr herauszufinden, musste er die Flammen immer und immer wieder rufen. Dazu legte er weite Strecken zurück, um im Verborgenen die Feuer zu entfachen, die ihn die verbotene Sprache lehren würden. Vielleicht sollte er es mit etwas Lebendigem probieren. Und als er den ersten Disteleber in einer Grube, die er eigens dafür ausgehoben hatte, verbrennen sah, spürte er eine Erfüllung und Erregung, die er nicht für möglich gehalten hätte.

In den Jahren die folgten gab es viele Brände, auf scheinbar unerklärliche Weise wurden sie entfacht, und sie wurden immer größer. Immer wieder fanden die Wächter der Kaldorei Gruben, in denen immer mehr verkohlte Leiber vom Todeskampf der Tiere zeugten. Doch Dalzarone verstand die Stimmen immer noch nicht. Deshalb hatte er sich nun lange darauf vorbereitet, ein Waldstück östlich des Hains der Wächter zu entzünden. Sein Verlangen, die Geheimnisse der Flammen zu entschlüsseln war unerträglich groß geworden. Ihm war bewusst, das er dies Geheimniss wohl ins Grab nehmen würde und er war bereit, dafür zu sterben. Das Feuer würde ohnehin so groß werden, das die Wächter es früher oder später entdecken würden, wenn der gesamte Hügel bereits in Flammen stand. Sie waren in den letzten Wochen sehr mißtrauisch geworden und hatten mit den Ältesten beraten, was aus ihm werden solle. Auch wenn sie nichts von seinem Geheimnis wußten, lang würde er sich nicht mehr verstecken können.

Der Wind bließ gut in dieser Nacht und war Nahrung für die vielen kleinen Feuer, die auf dem Gipfel des Hügels entfacht hatte. Sie würden nicht mehr dazu kommen, ihn zu verstoßen. Nun stand er hier, nackt, er und die Flammen und die Hirschkuh mit Ihren Kitzen, und das Feuer würde ihn holen. Tränen liefen ihm über sein Gesicht, und da das Feuer näher kam, wie eine bedrohliche Wand auf ihn zu kroch, vernahm er aus dem Knistern und Knacken, das mittlerweile zu einem Tosen und Brüllen angeschwollen war, die lang ersehnte Stimme. "Noch nicht!!!", fauchte und zischte es aus den Flammen, und mehrere Feuersäulen packten sich die Hirschkuh und Ihre Kitze und rissen sie hinfort in das Feuer. Dalzerone viel auf die Knie und seine Haare wehten im Feuersturm, während die Flammen sich in seinen Augen spiegelten. "Wie sich die Welt aus meinem Feuer wieder und wieder neu erschafft, so wirst Du erschaffen. Wer durch das Feuer geht, der wird wiedergeboren. Wer sich von meinen Flammen voll und ganz verzehren lässt, wird die Erkenntnis der Ewigkeit erlangen! Gehe hin, Kind der Welt, und erschaffe sie neu durch die Glut meines Namens, erfülle sie mit Leben durch den beißenden Rauch, der mein Atem ist, wandle auf den mit Asche bedeckten Ebenen, denn sie sind Deine neue Welt, und sie wird Früchte tragen, wenn die Zeit meiner Rückkehr gekommen ist!".

Die Flammenwand tat sich auf, einen Spalt nur, und Dalzarone erhob sich langsam und schritt feierlich hindurch, den Hügel hinunter, weiter nach Osten, weg vom Hain der Wächter. EIne Zeit lang begleitete ihn das Feuer, fras sich den Hügel hinab, dann liess er es zurück, und als der Morgen graute, sah er von Ferne den kahlen Hügel, und viele Rauchsäulen stiegen von ihm empor in den Himmel, wo die Kaldorei Ihre Greifen kreisen liessen: Eine neue Welt war dort erschaffen worden. Rein und befreit war sie und wunderschön. Neues würde dort entstehen können, um eines Tages wieder gereinigt und befreit zu werden. So wie er.



Von Anthrazides

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