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Als Margreth aufwacht, ist es noch dunkel – aber der Duft des Nadelwaldes hat sich verändert und man kann fühlen, dass der nächste Tag näher gerückt ist. Sie schlägt die Augen auf und betastet ein wenig beunruhigt die tiefe Wunde in ihrer Seite. Das tote, lehmdurchsetzte Fleisch hat sich noch nicht wieder zusammengesetzt, wie es sonst so oft geschehen war. Margreth bleibt einen Moment lang nur liegen und spielt verwundert mit ihren trockenen Fingern am Rand der Verletzung herum. Wulfen hat sie mit einem wirklich üblen Hieb erwischt. Sie denkt an sein hasserfülltes Gesicht und schaudert. Er tut Margreth derart leid, dass sie es kaum in Gedanken fassen kann. Wie unglücklich und verloren muss jemand bloß sein, um so zu werden wie Wulfen Thesnith? Sie will es lieber gar nicht wissen. Sie wünscht sich einfach nur es gäbe eine Möglichkeit, ihm seine ganze Bitternis auszuwaschen wie Gift aus einer Wunde. Es macht Margreth immer traurig, Leute wie Wulfen zu treffen.


Sie betrachtet den Schatten ihrer Hand im nächtlichen Dunkel. Ist das nicht seltsam? Dass sich etwas Totes weiterbewegt und weiterfühlt ist ja schon merkwürdig genug – sie hat nie verstanden, wie ihr so etwas hat zustoßen können. Oder warum gerade sie eine Verlassene geworden ist, wo sie doch eigentlich nichts besonders Besonderes an sich hatte.


Aber was fast noch seltsamer ist, findet Margreth, das ist wie man sich an die Dinge gewöhnt. Gewiss, letztendlich denkt sie, dass sie immer noch die selbe Frau ist. Es passiert ihr immer wieder mal, dass sie völlig gebannt vor einem Spiegel stehen bleibt, wenn sie mal einen in ihrer Nähe hat. Dann schaut sie sich ihren Plattenpanzer und der Helm, das Schwert aus Schwarzmithril und all ihre anderen Ausrüstungsgegenstände an... und kann nicht glauben, dass das wirklich sie ist, die sie vor sich sieht. Und manchmal erwacht sie am Morgen, streckt sich und findet, dass ihr Körper seltsam kalt und taub ist. Und erst wenn sie ihre Hände und Unterarme sieht fällt ihr ein: Ach ja. Ich bin ja tot.

Solche Momente sind immer von einem winzigen Moment schrecklicher Trauer begleitet, als würde ein hauchdünner Glassplitter durchs Hirn schießen. Aber man gewöhnt sich eben doch daran und Margreth stellt fest, dass es inzwischen letztlich doch zwei Versionen von ihr gibt: Die die sie mal war und die, die sie heute ist. Die, die sich allen Ernstes mit erhobenem Schild Halbdrachen und Ogern entgegen stellt, was Maggie Tiffen aus Wisdale wohl nie und nimmer getan hätte.


Wie auch immer: Die Verletzung, die Margreth jetzt an ihrer Seite spürt, erinnert sie jedenfalls an die alte Margreth Tiffen. Sie erinnert sie daran, wie es früher war sich in den Finger zu schneiden oder sich auf dem Feld den Fuß zu verdrehen. Sie fragt sich, welche von beiden wohl den kleinen Peter so unbedngt beschützen will, dass sie dafür derlei gefahren auf sich nimmt. Dann muss sie lächeln.

"Alle beide natürlich", flüstert sie leise zu sich selbst.


Margreth hört Thessin leise stöhnen und hebt den Kopf. Dann steht sie langsam auf. Der Elf ist nur ein dunkler Schemen in der Schwärze jenseits des Lagerfeuers, liegt an einen Baum gelehnt auf dem Boden und scheint zu schlafen. Er murmelt Dinge in seiner fremden Sprache und bewegt sich ein wenig, so als hätte er einen schlechten Traum. Der kleine Peter schläft dagegen friedlich. Margreth betrachtet das Kind einen Moment lang und lächelt versonnen … dann erhebt sie sich und tritt zu Thessin. Sie berührt vorsichtig seine Schulter, um ihn zu wecken.


Als der Elf aufschreckt und den Kopf hebt, klebt Schweiß an seinem Gesicht. Für eine winzige Sekunde wirkt er fast verängstigt. Dann erkennt er Margreth und bekommt sich unglaublich schnell wieder unter Kontrolle. Sie fragt sich trotzdem, was er wohl geträumt hat. Es kann nichts Schönes gewesen sein.


„Wwas… ah Miss… Tiffen…“ Thessin setzt sich auf und sieht sich mit einem leicht verärgerten Blick um. „Ich muss eingeschlafen sein. Ich bin ein Dummkopf, verzeiht dass ich…“

„Ach ist schon gut, wisst ihr es gibt Schlimmeres als…“

Er hebt eine Hand, bedeutet ihr den Mund zu halten und blickt in die Dunkelheit.

„Wartet… was ist das?“

Margreth lauscht ebenfalls. Kein Wald ist jemals still. Auch – vielleicht sogar besonders – nachts nicht. Aber jetzt ist da ein Geräusch, das keine kleinen Tiere oder fallenden Fichtenästchen verursachen. Jemand geht durch die Dunkelheit auf ihr kleines Lagerfeuer zu, und der Waldboden knistert unter seinen Schritten.


Thessin legt einen Finger auf die Lippen, wischt sich Schweiß von der Stirn und zieht einen seiner Langdolche. Dann tritt er zurück ins Dunkel ohne das winzigste Geräusch zu machen und verschwindet einfach, wie zuvor in de Kanälen.

Margreth selbst überprüft den Sitz ihres Schwertes und sieht sich nach ihrem Schild um, bis sie begreift, dass sie ihn in Undercity zurückgelassen hat. Haben sie sie gefunden? Sind das Wulfen und seine Männer? Wenn ja… sie kann kämpfen. Ihr Kiefer wird hart, als sie dem schlafenden Peter flüchtig lächelnd über die Wange streicht und sich dann aufrichtet.

Sollen sie nur kommen.


Aber in diesem Moment erklingt aus der Dunkelheit, vielleicht zwanzig, dreißig Schritt vom Lagerfeuer entfernt, eine Stimme. Nicht die Stimme eines Untoten, sondern überraschenderweise die Stimme einer Trollin, gelangweilt und im grimmig unterlegten Plauderton.

„Oh key Tiffen. Wenn das dein Lager is’, gibst du jetzt besser Laut. Und falls hier jemand anders lagert, dann macht keinen Scheiß. Ich wünsche hier keine Aggression. Aber ich trete in jedermanns Arsch, der mich anspringt.“

Margreths Herz fließt fast über vor Erleichterung.

„Frau Jippa?? Ihr habt mich ja doch gefunden! Jaja ich bin’s ich bin hier! Keine Sorge, das ist mein Lager!“ Etwas faucht leise, ein Licht flackert zwischen den Bäumen auf. Jippa tritt auf die Lichtung und zieht an einem neu entzündeten Zigarillo. Ihre funkelnden, schmalen Augen ruhten auf Margreth. Ihr Auftritt ist an Lässigkeit nicht zu überbieten, auch wenn die Trollin müde aussieht und ihre Kleidung – Weste, enganliegende Stoffhose und der übliche magische Schmuck – schmutzig aussah.

„Oh key, Tiffen. Du hast mir geschrieben. Du wolltest Milch. Und ich bring dir deine verfoohkte Milch. Ich weiß nicht, was diese Scheiße genau bedeutet – aber ich weiß, dass halb Tirisfal hinter dir her ist. Zeig mir, was du den Apothekern geklaut hast.“



Einige Minuten später. Der kleine Peter erwacht. Er ist viel zu jung um irgendetwas Brauchbares zu denken, zu verstehen oder auch nur zu erkennen. Aber aus seinem Körbchen blickt er in drei Gesichter hinauf – ein trollisches, ein elfisches und das einer Untoten – die zu ihm schauen und fast sein gesamtes Blickfeld ausfüllen. Es ist annährend schade, dass er diesen Anblick, der nur wenigen Menschenbabys zuteil wird, nicht würdigen kann.

„Was ist das.“ Jippa sieht ihn verständnislos an.

Thessin antwortet als Erster.

„Das ist ein Kind“.

Margreth nickt zustimmend. „Genau.“

Stille.

„Und warum besitzt dieses Kind keine Zähne.“

„Äh. Was? Es ist erst ein paar Monate alt, Frau Jippa.“

Stille.

„Das is’ doch keine Antwort, mann.“

„Äh also… Menschenkinder wachsen die Zähne wirklich erst später.“

„Wie essen eure Kinder dann Fleisch.“

„Sie… also.. das machen Menschenkinder nicht….“

Stille.

„Oh key. Eine Frage führt nur zu weiteren, schätze ich. Kommen wir zum Punkt.

Dies hast du den Apothekern geklaut. N Baby ohne Zähne.“

„Äh.“


Jippas Blick gleitet kurz über den Elfen – Thessin hat noch kaum ein Wort gesagt, seit Margreth sie einander vorgestellt hat. Dann tritt sie einen Schritt zurück und legt eine Hand auf ihre Hüfte. Mit der anderen, die den Zigarillo hält, wedelt sie ungeduldig und ein wenig verärgert.

„Tiffen mann, ich krieg’ einen Brief in dem du mir sagst, was Wichtiges sei geschehn. Du schreibst, du wirst versuchen über den Silberwald nach Hillsbrad zu reisen und ich soll dir helfen. Du schreibst, du brauchst Milch.

Fucko mann, kaum bin ich per Teleport in Undercity, werd’ ich von Bewaffneten anpalavert. Der Flugturm is’ gesperrt, die Todeswachen stellen die ganze verkackte Stadt auf den Kopf. N Typo namens Thesnith will mich festnehmen lassen und ich muss erstmal damit drohen dass die Darkspear echt angepisst sein werden, wenn man mich einkerkert. Dann bringen sie mich höflichst zu einem von Varimathras' Leuten, der Loa sei Dank mein Antlitz kennt und weiß dass ich n wenig Gewicht habe und dass die Entweihten mich krass finden. Und ich krieg zu hören, dass 500 Goldstücke auf deinen Kopf ausgesetzt sind, weil du den Apothekern was gestohlen und die Verlassenen verraten hast.“


„Fünfhundert… GOLDSTÜCKE?“ Margreth starrt Jippa an und spürt wie ihr Herz durch den Boden fällt. „Aber … aber ich… also ich… fünfh… hundert…. Ich äh also ich weiß nicht wie…

Jippa unterbricht sie wütend.“

„Tiffen, was… zum… HENKER denkst du tust du hier, verschissen noch mal? Ich dachte du hast sonst was geklaut. N magisches Schwert, die Krone des Willens, irgendwas das wirklich Gold wert ist mann. Zwei Banner Todeswachen sind hinter euch zwei Witzfiguren her. Die Straßen werden kontrolliert, mann. Fledermausreiter checken das ganze verfoohkte Land. Mein Raptor ist auf dem Ritt fast verreckt, so verflucht schnell bin ich geritten, kacke verdammt. Weil du n verschissenes KIND geklaut hast? N Kind ohne Zähne?? Dafür legst du dich mit Sylvanas Lieblingen an?“


Margreth fühlt ein leichtes Zittern und wirft einen Blick auf Peter, der durch die Schärfe in Jippas Stimme unruhig geworden ist. „Also es ist nicht… nein…“ Jippas Reaktion lässt eine tief sitzende Angst aufwachen und von innen an ihrem Brustkorb knabbern.

„Hör zu, Tiffen: Die Verlassenen werden dich nicht mehr in diese Stadt lassen. Oh key? Genau genommen werde sie dich umlegen, wenn du weiter zu fliehen versuchst. Ich mein, fucko, wo willst du denn hin mit dem Teil da? Aber Varimathras' Mann hat kluge Dinge gesagt. Gib das Kind zurück – was weiß ich, gib’s mir und ich klär das. Halt dich von Undercity fern, leiste Abbitte bei Sylvanas. Lass Gras über die Sache wachsen. Häng in Silithus oder in Ogrimmar rum oder so. Oder ich beschaff dir Jobs in der Scherbenwelt. Sei mal zur Abwechslung clever und du kommst vielleicht knapp davon.“

Jippas Blick wird milder und sie schaut Margreth fast hypnotisierend in die Augen.

Das wäre weise, mann.“

Margreth schüttelt ungläubig den Kopf.


„Ich brauche… ich dachte ich bekomme von euch Hilfe…“

„Ich versuch hier grade dir zu helfen, Tiffen. Ich hab mehrere Patroullien umritten. Ich hab’ dich nur vor denen gefunden, weil mein Raptor mal echt schnell ist, wenn er merkt dass ich’s eilig hab. Noch suchen die euch auf der Straße, aber sie werden auch diese Schleichwege hier checken, mann. Du kannst den Todeswachen nicht entkommen, du blödes Stück.“ Jippa schüttelt müde den Kopf.

Margreth schüttelt ihren auch.


„Tja na ja man weiß es aber nicht oder? Man weiß nicht was die Zukunft bringt, sag ich immer. Und deshalb…“

„Fucko, den Tod. Die Zukunft bringt den Tod, wenn du so bescheuert bist, weiter zu reiten. Sie holen dich ein, mann.“

Margreth beißt die Zähne zusammen. Sie kann alles in Jippas Augen sehen. Die Trollin versteht sie nicht, kein bisschen. Sie versteht überhaupt nicht worum es geht. Maßlose Enttäuschung erfüllt Margreth, so dass sie fast schreien könnte vor Verzweiflung. Und Wut bricht sich Bahn.

Sie bückt sich, hebt einen flachen Schieferstein vom Waldboden auf und wirft ihn Jippa zu. Sie lächelt auf eine grimmige Weise. Die Verzweiflung, die ganze schreckliche Situation, das lässt sie lächeln. Sie weiß, dass sie vermutlich nicht mehr so aussieht, als wäre sie sie selbst. Das Lächeln ist nicht ihres. Es fühlt sich kalt und fremd an.


„Hier.“

„Was soll ich damit, mann.“

„Na ja also ich denke wir sparen uns einfach Mühe.“ Margreths Lächeln wird etwas intensiver. Thessin blickt zwischen ihr und Jippa hin und her, während die Untote langsam und deutlich weiterspricht.

„Ich schlage vor, dass ihr den Stein nehmt und dem Kind – also Peter meine ich – einfach damit den Schädel einschlagt, oder? Ich mein ich weiß nicht wie es bei Trollen ist. Aber die Köpfe von Menschenkindern sind sehr weich. Ein Schlag reicht sicher, aber mit drei oder vier kann gar nichts mehr schief gehen.“


Jippa wiegt den Stein und betrachtet ihn nachdenklich mit geschürzten Lippen.

„Was spielst du hier für ein verkacktes Spiel, Tiffen. Was ist das für eine Scheiße.“

„Nun“, haucht Margreth vergnügt und dennoch gefährlich, „so wollt ihr die Welt doch gerne haben, nicht wahr Frau Jippa? So stellt ihr euch die Welt doch vor. Man spielt die Karten aus, die man bekommt, hab ich Recht? Wer nicht zurande kommt oder schwach ist, der hat’s nicht besser verdient. Hm? Ist doch so, oder? Ist doch so? Wenn wir das Kind da nach Undercity bringen, werden die Apotheker es quälen und Sachen an ihm ausprobieren und ihm Gifte geben oder es verstümmeln oder mit Krankheiten infizieren. Und wenn es Glück hat, dann stirbt es bald. Und wenn es kein Glück hat, dann halten sie es lange am Leben.

Also wenn das die Wahl ist, da können wir ihm doch auch gleich den Kopf eindrücken, nicht wahr? Damit lösen wir die ganze Probleme die ich habe und dann reiten wir zurück und geben es ihnen und vielleicht komm ich ja noch mal davon, wenn ich Abbitte leiste.“ Margreth lächelt immer noch irre, während sie auf Jippa zutritt, ihr in die Augen schaut und ihr das Schieferstück wieder aus der Hand nimmt. Sie spürt eine so finstere Schwärze in sich, dass sie sie am liebsten erbrechen würde. Sie weiß nicht recht was sie tut, sie hat sich nicht mehr unter Kontrolle und das ist ihr auch völlig egal.

„Ich kann’s machen, wenn ihr nicht möchtet. Ich schlag ihm den Schädel ein.“


Mit einem schnellen Schritt geht sie zu Peter, hebt den Arm, blickt dem verständnislos glotzenden Baby in die Augen. Sie lässt ihre Hand mit Wucht herunterfahren und wird zurückgerissen. Mama Jippas Hand hat sich um ihren Unterarm geschlossen.

„Tiffen, hör auch mit diesem verfoohkten…“

„WARUM denn?“ Jetzt schreit Margreth, zerrt an Jippas Arm und schaut ihr aus nächster Nähe in die Augen. Sie muss ihre Wut nicht mehr erbrechen, sie strömt schon pechschwarz aus ihr heraus. Sie speit sie Jippa ins Gesicht.

„Warum macht ihr euch denn plötzlich Sorgen, Frau Jippa? Ist das nicht das SPIEL? Spielt man das SPIEL nicht so? Ihr seid doch so eine Spielerin ihr erzählt mir immer vom SPIEL und wie man seine Karten ausspielt“, schreit Margreth, während sie Jippa einen Schlag gegen die Brust versetzt und die erstaunte Trollin nach hinten taumeln lässt. „Wenn ich Peter totschlage und mir egal ist, was mit ihm passiert, habe ich’s dann gut gemacht? Hab’ ich das SPIEL dann gewonnen?? Darf ich dann weiterspielen??“ Sie versetzt Jippa einen weiteren Stoß und bemerkt zum ersten Mal, seit sie sich vor zwei Jahren in Tirisfal kennen gelernt haben, wie leicht und zerbrechlich sich die Trollin anfühlt. „Habe ich dann bewiesen dass ich lässig bin und Respekt verdiene und dass ich das Spiel spielen kann? Nein?“ Noch ein Stoß. Jippa schlägt Margreths Hand perplex weg, ihr Gesicht wirkt grimmig und konzentriert „Nein? Nein??! Warum denn nicht?? So lebt ihr doch auch nicht wahr? Wie viele Kinder habt ihr denn schon totgeschlagen weil sie schlechte Karten hatten??“


Sie hat Jippa bis an den Rand der Lichtung gedrängt. Die beiden stehen voreinander und starren sich aus nächster Nähe an. Die Trollin atmet mühsam beherrscht und mit geblähten Nüstern, Margreth atmet gar nicht. Ihre Augen werfen wie helle Lampen gelbliches Licht in das Gesicht der Magierin. Als sie weiter spricht, tut sie das sehr leise und fest. Sie hat sich wieder etwas mehr unter Kontrolle – und sie spricht nur noch aus, was so tief aus ihrem Innersten kommt, dass es erst durch die Wut freigesetzt werden konnte.

„Weil das Leben nun mal kein Spiel ist, Frau Jippa. Für euch vielleicht, und das ist eure Sache, wenn ihr so leben könnt. Aber für andere Leute ist das Leben kein Spiel.“

Sie zeigt auf Peter hinter sich, ohne Jippa aus den Augen zu lassen. „Das da ist ein Mensch. Seine Mutter ist in Gefangenschaft gestorben und sein Vater war ein mutiger Mann und hat es geschafft zu entkommen und er ist wegen eines dummen Missverständnisses gestorben und dachte in dem Moment wo er gestorben ist, dass sein Kind verloren ist. Für die beiden war das Leben kein Spiel, es war bitter und hart und schrecklich. Und es hat kein gutes Ende genommen sondern ein trauriges, schmerzhaftes, finsteres Ende. Und es war egal, wie sie gestorben sind, weil man dabei keine Haltungsnoten bekommt und keine dumme Trollin eine Tafel mit Punktwertung hochhält und es keinen Sonderpreis gibt wenn man es ihrer Meinung nach irgendwie gut gemacht hat. Sie sind einfach gestorben und sie hatten keine Hoffnung als sie gestorben sind und sind in die Dunkelheit gefallen und jetzt sind sie einfach fort und verschwunden und haben aus der Welt hier nur Bitternis und Tränen mitgenommen. Und jetzt hat Peter nur einen der auf ihn aufpasst, und das bin ich.


Und es gibt überhaupt gar nichts das ich machen kann, außer dass ich ihn in Sicherheit bringe. Es gibt gar keine andere Wahl, weil ich nicht so gemacht bin wie ihr sondern weil ich ich bin und für mich ist das Leben kein dummes Spiel sondern es ist ernst und wenn ich es nicht ernst nehme, dann bin ich nicht Margreth Tiffen. Und wenn ich Peter nicht in Sicherheit bringen kann, wenn ich das nicht schaffe, dann bringe ich ihn jedenfalls so weit es geht. So weit es nur irgend geht. Und wenn ich verstoßen oder getötet oder aufgehalten werde, dann habe ich alles getan was ich konnte. Und dann ist egal ob ich sterbe oder wie ich sterbe oder was sie sonst mit mir tun. Weil ein Fisch im Wasser schwimmt und ein Drache fliegt und der Mond in der Nacht scheint und weil ich keine Kinder ermorde.“

Margreth lehnt sich etwas weiter vor und man kann jede Sehne ihres Körpers knarren hören, so sehr steht sie unter Spannung. Ihr Gesicht ist so hart, als wäre sie nie ein Mensch gewesen.

„Und das Licht habe Gnade mit allen, die es wagen mir in den Weg zu kommen, bevor ich Hillsbrad erreicht habe.“


Es herrscht wieder Stille. Die Blicke der Trollin und der Untoten sind ineinander verschränkt wie die Arme orkischer Ringer. Mama Jippa senkt ihren als erste, zieht ein letztes Mal an ihrem Zigarillo und wirft ihn dann fort.

„Du musst es wissen, Tiffen“, erklärt sie leise und verschlossen.


Thessin räuspert sich. Beide blicken verwirrt zu ihm.

„Mehr als ungern störe ich euer Gespräch“, sagt der Elf im Plauderton. „Es ist so nett, wenn alte Freundinnen parlieren.“ Er kniet neben Peter und streicht dem Kind geistesabwesend über die Wange. „Mh… Aber ich hätte jetzt gern diese Milch für das Kind. Wenn ihm also doch niemand den Schädel einschlagen möchte.“



XI

Margreth gibt Peter Milch zu trinken und achtet nicht mehr auf die Trollin, die sie vom Rand des kleinen Lagerplatzes her mustert. Sie achtet auch nicht auf Thessin, der sich erhebt und lautlos zwischen den dunklen Baumstämmen verschwindet. In ihr brodelt immer noch Zorn, und sie hat keine Lust darauf, diesem Zorn weiter freien Lauf zu lassen.


Er verfliegt ohnehin. Es reicht, das Gesicht des Säuglings zu sehen, sein Schmatzen beim trinken der Milch zu hören, sein runzliges Gesicht zu studieren, und die Wut wird bedeutungslos. Margreth wird erstaunt klar, dass sie ohne ein Ziel und ohne Antrieb nach Undercity gekommen ist. Und nun hat sie, einfach als Laune des Schicksals, ein Ziel erhalten, das sie voran treibt wie sie selten in ihrem Dasein vorangetrieben wurde. Sie weiß nicht, ob es eine gute Sache ist so zu fühlen – aber genau wie sie Mama Jippa gesagt hat, spielt das auch überhaupt keine Rolle. Weil sie nicht anders kann. Sie muss an ihren Mann denken, der seit Jahren tot ist. Und sie kann Robs ehrliches, breites Gesicht so vor sich sehen, als müsste sie nur die Hand ausstrecken um es zu streicheln. Er sieht aus, als würde er in dieser Sache völlig auf ihrer Seite stehen.


Sie erhebt sich, sattelt Martha und rückt ihren zerschundenen Panzer zurecht, bückt sich und hebt Peter in eine Armbeuge. Sie schwingt sich auf den Rücken ihres Reittieres – mühsam, weil ihre Seite noch schmerzt. Der Blutelf kommt zurück, nickt ihr zu und springt elegant hinter ihr auf.

„Ihr wollt schon aufbrechen, Miss Tiffen?“

„Ja. Ich weiß schon es war eine kurze Rast und tja, ich weiß wir bräuchten eine viel längere. Aber wenn sie uns wirklich derart verrückt suchen, dann war die kurze Pause vielleicht schon zu lang. Bis Hillsbrad sind es quer durch den Wald sicher noch ein oder zwei Tage.“


Margreth schaut Jippa nicht einmal an, als sie Martha antraben lässt. Sie will mit der Trollin nichts mehr zu tun haben und sie ist sich sicher, dass Jippa gleicher Meinung ist. Sie werden ab jetzt endgültig geschiedene Leute sein. Sie bedauert das ein bisschen, in ihrem Magen ballt sich ein kleiner, schmerzhafter Klumpen bei dem Gedanken zusammen, aber sie ignoriert ihn. Es gibt Wichtigeres.

Aber als sie die ersten Bäume umreitet und Martha in langsamem Schritttempo tiefer in den Wald führt, kann sie Jippas Raptor hinter sich leise keckern hören. Die Trollin folgt ihnen und Neh’jin hüpft im typischen Raptorgalopp auf und ab, wobei er die Umgebung immer wieder aus gelben, blitzenden Augen mustert.


Und so reiten sie, ohne dass ein Wort zwischen ihnen gesprochen wird. Die Nacht wird zur Dämmerung, die Schwärze des Himmels wird langsam zu einem dunklen Blau, das nach und nach von einem Silberhauch überzogen wird. Die ersten Vögel beginnen zu zwitschern und irgendwann dringt hier und da ein Sonnenstrahl durch das dichte Blätterdach.


Margreth führt sie jetzt querfeldein, umreitet dornenüberwucherte Senken und dichte Gestrüppe, gestürzte Baumstämme und gelegentliche Erhebungen, die ihnen das Vorankommen erschweren. Sie sucht ihren Weg durch den urtümlichen Wald mit Vorsicht um Stürze zu vermeiden und ist zugleich bedacht darauf so schnell es geht Meilen gut zu machen. Stundenlang wird in der seltsamen Reisegruppe kein Wort geredet.


„Und sonst so?“ Thessin blickt auf und schaut Jippa mit leerem Gesicht an. Während Margreth Peter wieder Milch zu trinken gibt, hat er es sich ein Stück abseits auf einem Stein bequem gemacht und begonnen seine Langdolche zu schleifen. In seinem kurzen Haar hängen einige Blattfetzen und an seiner Lederkleidung haben sich Dornen und Ästchen verfangen. Da es für Blutelfen unmöglich ist, wie heruntergekommene Lumpen auszusehen, macht Thessin lediglich den Eindruck eines Gentleman, der sich ein wenig hat gehen lassen.


„Bitte?“

„Na ja mann, wie geht’s. Alles klar?“

Jippa lehnt sich neben Thessin an einen Baum, schnippt – die Augen des Elfen folgen der kleinen Flamme die dabei entsteht – und zündet sich einen Zigarillo an.

„Mjah, alles in Ordnung. Und wie geht es euch, Frau Trollin?“

Jippa winkt ab. „Bestens. Was bist du für ein Vogel, mann?“

„Ich bin…“ Er betrachtet Jippa leicht verwirrt und zuckt dann mit den Achseln. „… Thessin.“

„Du bist Blut-Elf. Wieso begleitest du Tiffen?“

Noch ein Achselzucken. „Wieso begleitet ihr sie?“

Jippas linke Braue wandert in die Höhe. Sie zieht am Zigarillo, schmatzt dabei leise und genüsslich und nickt Thessin zu.

„Gute Antwort. Ist ja auch nicht so, dass es mich was angehen würde.“

„Mhm. Ihr müsst verzeihen, dass dies auch meine Ansicht ist, Mama Jippa. Es geht euch tatsächlich nichts an. Ich weiß nicht einmal wer ihr seid oder in welcher Beziehung ihr zu Miss Tiffen steht.“


Sie beugt sich ein wenig vor und lässt ihren Blick eindringlich über Thessins Gesicht gleiten.

„Nur eine Sache, oh key? Ich sage dies nicht, weil ich Stress mit dir suche. Ich drücke es nur aus, weil mir verfoohkt wichtig is’, dass zwischen uns zwei Peken’jos – zwischen dir und mir – klare Verhältnisse herrschen. Blut-Elfen sind nicht grade für ihre Freundlichkeit bekannt. Du begleitest Tiffen – schön und gut. Gründe sind deine Sache.

Aber ich kenne ´n paar Blutelfen. Ich kenn eure Gesichter ein bisschen und ich kann euch inzwischen `n wenig einschätzen. Und du, mein bester, hast einen verkackt gehetzten Blick auf deinem Gesicht, auch wenn du versuchst den zu verstecken." Jippas scharf geschnittenes Gesicht bleibt annähernd ausdruckslos, aber in ihren Augen liegt eine gewisse Drohung.

"Also ich weiß nicht woher dieser Ausdruck kommt oder wieso du ihn trägst. Aber versuch nicht, Tiffen zu bescheißen. Tu das nicht, oh key? Es wäre unklug und ich rate dir davon ab.“

Thessins Blick bleibt einen Augenblick lang ernst... aber dann zerbricht seine Miene in ein kleines, feines Lachen.

„Hab’ ich grade was Komisches gesagt, mann? War mir fast sicher, dass ich durchaus was Ernstes ausgesprochen hatte.“

„Mhnein, nein, schon gut.“ Er nickt und aus seinen müden Augen spricht immer noch eine leichte Belustigung. Er redet mit leisen, fein artikulierten Worten weiter

„Ich halte nicht viel von der Horde. Genau genommen“, Thessin lächelt bitter, „halte ich auch von meinem eigenen Volk nicht viel. Ich denke, dass jeder von uns sich selbst durch seine Taten, seine Eitelkeiten und seine Schwächen so gut beschmutzt und besudelt, wie er nur kann. Wir haben alle Dreck an unseren Händen und tun was wir können, um einander Schmerzen zu bereiten. Man sollte nur das Schlechteste erwarten, wenn man nicht überrascht werden will.“

„Das is’ aber keine sehr positive Einstellung, mann.“

„Hm. Nein“, haucht Thessin. „Nein, das ist es tatsächlich nicht. Aber ihr sprecht zumindest offen aus, was ihr denkt. Niemand in meinem Haus hätte jemals so gesprochen. Ihr scheint Spiegelfechtereien nicht zu lieben. Das ist erfrischend.“

Sein Blick wandert zu Margreth, die Peter versorgt und dabei fröhlich auf das Kind einredet. Jippa schaut ebenfalls hin. Für einen Moment macht es den Eindruck als wolle der Elf noch etwas hinzufügen, doch dann schüttelt er nur leicht den Kopf. Sein Lächeln wird etwas breiter – und damit auch etwas bitterer.

„Ich habe diese Frau zufällig in Undercity getroffen. Ich habe sie schon einmal verraten, und ich habe mich damit selbst in eine dumme Falle gelockt. Und jetzt begleite ich sie. Und ich werde sie nicht verraten. Das Leben ist nichts weiter als ein schlechter Scherz. Auf unsere Kosten.“

„Das is’ wirklich eine scheiß-unpositive Einstellung, mann.“


Jippa zieht einen zweiten Zigarillo und wirft ihn Thessin zu. Er steckt ihn sich zwischen die Lippen und nachdem sie ihm Feuer gegeben hat, inhaliert er den Qualm tief und schaut sie – immer noch sarkastisch lächelnd – an, während er ihn ungerührt durch die Nase wieder ausstößt.

„Ich habe schon geraucht. Verzeiht mir, dass ich euch kein angewidertes Husten darbiete, Frau Jippa. Und ... erlaubt Ihr, dass ich frage, warum Ihr noch dabei seid? Ihr hattet uns doch sehr ausführlich dargelegt, dass halb Undercity auf der Suche nach uns ist und es keine Chance auf Erfolg gibt.“


Mama Jippa zuckt die Achseln. „Tiffen hat mich auch in der Falle, mann. Das is' ihr größtes Talent, denk' ich manchmal. Sie fängt Typos ein.“ Jippa denkt kurz nach und betrachtet dann die zierliche aber schwer gepanzerte Untote, die in einiger Entfernung auf das Kind einplappert. "Was solls. Ich bin dabei. Man kriegt seine Karten und man spielt eben das Spiel."

„Ist es tatsächlich so, dass ihr das Leben als ein Spiel betrachtet? So wie sie gesagt hat?“

„Aye.“ Jippa spricht sehr langsam und bedacht, den Blick weiter auf Margreth gerichtet, die dem Kind gerade den Mund abwischt und es dann hochhebt. „Du hältst das Leben für ´nen Witz. Ich sehe es als Spiel.

Tiffen liegt falsch, wenn sie denkt, dass ich Dinge nicht ernst nehme, mann. Das tu ich. Aber ja, das Leben ist ein verfoohktes Spiel. Das beste, variantenreichste, farbigste Spiel, das man nur spielen kann. Auch sehr hart. Viele Regeln, viele Karten. Sehr schmerzhaft manchmal, sehr unfair. Aber ein Spiel.“

„Nun frage ich mich gerade, ob das eine positivere Einstellung ist als meine.“ Thessins Lächeln wirkt verschmitzt, als er zu Margreth deutet, die sich wieder bereit für de Aufbruch macht.

„Ich denke, Miss Tiffen wird jetzt weiter reisen wollen.“


Zwei Stunden später kommt der Angriff.


XII

Die kleine Reisegesellschaft ist äußerst schweigsam. Es ist Nachmittag geworden und der Tag bestand fast nur aus einer einzigen, mühsamen Reise durch den dichten Wald, immer Nordwärts, auf die schroffen Hügel zu, hinter denen Hillsbrad liegen muss. Immer wieder galt es, Hindernissen oder all zu dichten Stellen auszuweichen, Senken zu umreiten oder die Reittiere vorsichtig über gestürzte Baumstämme zu führen, in die bereits neue Gewächse ihre Wurzeln geschlagen haben.


Margreth ist müde. Die Wunde an ihrer Seite hört nicht auf zu schmerzen und Thessin hinter ihr hat längst damit aufgehört, sich aufmerksam umzublicken –erneut fällt sein Kopf immer wieder gegen ihren Rücken, ehe er aufschreckt und mit einem leisen Schnaufen seine Gestalt wieder strafft.


Sie umreiten gerade eine besonders undurchdringliche Stelle, an der die engen Räume zwischen den Bäumen mit Dornendickicht angefüllt sind. Zu ihrer rechten erhebt sich eine sanfte Bodenwelle. Einige Schmetterlinge und Käfer surren vorbei, ein Dachs nimmt knisternd vor ihnen reißaus….und bleibt stehen. Er wittert am Busch direkt vor sich, zuckt nervös mit seinen grauen Ohren und scheint weder vor noch zurück zu wissen und führt mit seinen tapsigen Füßen so etwas wie einen komplizierten Tanz auf. Margreth lächelt und wendet sich ab, aber hinter sich kann sie hören, wie einer von Thessins Dolchen aus seinem Gürtel gleitet.

„Wartet!“ Die Stimme des Elfen zischt wie die einer wütenden Katze. „Wartet das ist…“


Etwas zischt durch die Luft und verfehlt Margreths Schulter um eine Armbreite. Die Büsche bewegen sich, zehn Schritt vor ihnen surrt etwas und ein Seil schießt in die Höhe und versperrt den schmalen Pfad auf Brusthöhe von Margreths Reittier. Mehr Pfeile fliegen von links und rechts in ihre Richtung und hinter sich hört sie Jippa leise fluchen und ihren Raptor wütend aufkreischen und stürzen.


„Das ist eine Falle!“ Sie blickt sich suchend um und will ihr Schwert ziehen, aber eine Hand hält die Zügel, die andere hält Peter. Die Büsche rascheln und werden zur Seite gedrückt, gepanzerte Gestalten mit grauen Gesichtern und gelblich leuchtenden Augen brechen links und rechts von ihnen aus dem Unterholz hervor.


„Reitet!“ Das ist Jippa. Die Trollin kracht seitlich auf den Boden, der Raptor rollt sich auf die Seite – zwei Pfeile ragen aus seiner Flanke – verschwimmt und verschwindet. Die magischen Reittiere haben viele Vorteile… aber Schaden lässt sie in die Pfeifen zurückkehren, an die sie gebunden sind.


Die Trollin rollt sich ab, kommt auf die Beine und wird von einem Pfeil in den Kopf getroffen…. Nein, eine schimmernde Aura umgibt sie plötzlich und lenkt ihn ab. Sie deutet auf den Schützen in Kettenhemd und Topfhelm und schleudert ihm eine Feuerkugel entgegen, die ihn zurückwirft und brennend in die Büsche fliegen lässt, aus denen er sich gerade erst erhoben hat.

„Bring das verkackte Kind weg du dämlicher Kodo!“ Jippa fletscht die Zähne in einer raubtierhaften Grimasse und duckt sich unter zwei, drei weiteren Pfeilen weg. Sie macht eine ruckartige Bewegung, verschwindet von ihrer momentanen Position in der Mitte des Weges und steht plötzlich ein Dutzend Schritt entfernt, mitten in den dichten Büschen zur rechten des Pfades. Die umstehenden Untoten blicken sie verwirrt an… dann verschluckt eine grelle Feuerwolke die Trollin, die Gegner und das gesamte Buschwerk, Äste, brennendes Holz und Körperteile fliegen aus der Explosion und eine wabernde, schwarze Rauchsäule steigt auf.


Margreth kneift die Augen zusammen. Sie weißt nicht genau, weshalb sie wütend auf Mama Jippa ist, aber sie ist es. Sie ist wütend, sie hat Angst um die Trollin und sie will ihr helfen. Aber um sie herum sind immer noch mindestens zwei Dutzend Feinde und Peter beherrscht den größeren Teil ihrer Gedanken. Thessin schleudert einem gepanzerten Angreifer einen Dolch entgegen, der ihn nicht wirklich verletzt, aber in der Ausweichbewegung zu Fall bringt. Die anderen haben sie fast erreicht… sie rammt Martha ihre Absätze in die Flanken und lässt das Pferd mit einem wilden Satz vorwärts springen.


Eine Axt streift ihren Schenkel, ein Pfeil schlägt in die Seite ihres Reittieres ein und lässt eine der knochigen Rippen splittern. Vielleicht ist gerade das der Grund dafür, dass das untote Pferd den Sprung schafft und über das gespannte Seil setzt, ohne es zu berühren. Hinter Margreth und Thessin erklingen Schreie und erneut das laute Fauchen von Feuer, aber sie blickt sich nicht um. Trotzdem schmerzen ihre Augen, als würden sie versuchen Tränen hervor zu pressen.


„So eine…. dumme…. dumme, dumme Frau…“. Sie reißt Martha zur Seite und lenkt das Pferd im vollen Galopp um einen Baumstamm herum, dann brechen sie durch eine weitere reihe Büsche auf eine Lichtung von vielleicht 60 Schritt Durchmesser. Hinter sich kann Margreth Thessin schreien hören „Sie folgen uns!“ Als sie sich umblickt, preschen vier Berittene in schweren Panzern durch die Büsche und setzen ihnen nach. Mit Schwertern und Streitkolben in den Händen nehmen sie die Verfolgung auf. Dahinter flackert mehr Feuer, aber von Mama Jippa ist in dem Durcheinander nichts mehr zu sehen.


„Dumme Frau…“ keucht Margreth erneut und knirscht mit den Zähnen. Peter schreit in ihrem Arm über die plötzlich so ungewohnt raue Gangart des Pferdes. Als sie das Ende der Lichtung erreichen, setzt sie erbarmungslos über weitere Büsche hinweg, hetzt Martha weiter durch den Wald. Pferd stürzt um ein Haar auf dem unebenen, wurzelübersähten Boden, fängt sich aber und weicht mehr oder weniger von selbst einem weiteren Baum aus. „Sie schließen auf.“ Die Stimme des Elfen klingt ruhig und berechnend.

„Martha ist…. schnell.“ Margreths Gedanken rasen. Hätten sie mehr Vorsprung, dann könnten sie sich verstecken. Aber selbst untote Pferde werden müde und sie sind seit Tagen unterwegs, ihre Seite schmerzt jetzt wieder höllisch und vielleicht sind sie schlicht zu langsam als dass…

„Miss Tiffen?“ Die Stimme des Elfen klingt, als würde er wieder verbissen lächeln.

Oder sie sollte umdrehen und kämpfen. Sich umdrehen, dem Elfen Peter übergeben und kämpfen. Vielleicht wäre das die beste Lösung. Sie kann kämpfen, sie hält viel aus und vielleicht sollte sie sie aufhalten während er…

„Miss Tiffen!“

„Ja…. Ja was ist denn??“

„Es war interessant euch kennen zu lernen.“


Plötzlich spürt Margreth, wie das Gewicht des Elfen hinter ihr verschwindet und Martha einen fast erstaunten, befreiten Sprung nach vorne macht. Als sie sich umblickt und das Pferd ein wenig zügelt, ist er nicht zu sehen… Die Verfolger sind auf dreißig Schritt heran…

Und dann überschlägt sich eins der Tiere im vollen Lauf, wirbelt durch die Luft wie von einem Katapult abgeschossen, schlägt mit dem Kopf zuerst auf den Waldboden, wobei sein Hals mit einem lauten Knacken zersplittert. Der Reiter kracht gegen einen Baumstamm und bleibt liegen wie eine Marionette, deren Fäden zerschnitten wurden. Ein zweiter Reiter kann nicht früh genug ausweichen und stürzt ebenfalls, während die zwei Verbliebenen ihre Pferde zügeln und um ihre Kameraden herum reiten. Hinter ihnen rennen weitere Bewaffnete auf die Lichtung und schließen zu Fuß auf. Hinter einem von ihnen erscheint plötzlich eine blonde Gestalt, der Mann wird nach hinten gerissen und schlägt hart auf den Boden. Die anderen Bewaffneten drehen von ihrem Kurs in Margreths Richtung ab, setzen auf ihn zu und stolpern wild umher, als er mit einem Rückwärtssprung zwischen die Bäume taucht.


Sie knirscht mit den Zähnen und will Martha herumreißen um Thessin zu helfen…. Und rammt dann doch ihre Absätze einmal mehr in Marthas Flanken, um die Flucht fort zu setzen. Margreth verflucht sich selbst und Thessin und Jippa, aber im Besonderen verflucht sie ihre Situation und die Todeswachen, die einfach nicht aufgeben wollen. Es sind noch immer zu viele, und wenn sie jetzt kämpft, dann verschenkt sie den Vorsprung, den ihr die anderen beschert haben. Sie prescht weiter, durch Dickichte und Unterholz, bricht durch das Astgewirr des tiefen Waldes und schaut nicht mehr zurück.


Auch als der Kampflärm hinter ihr nicht mehr zu hören ist, treibt sie ihr Pferd noch weiter voran. Sie verlangsamt die Gangart ein wenig, bis das erschöpfte Tier in einen schnellen Trab fällt,. Sie wagt es nicht anzuhalten. Hinter ihr scheinen vorerst keine Verfolger mehr zu sein – aber Margreth weiß, dass sie so schnell nicht aufgeben werden.

Erst als sie ihre Seite kaum noch spürt und der taube Schmerz sich langsam in ihren Oberschenkel und ihre Schulter ausbreitet, sucht sie sich eine überwachsene Mulde, in der sie Martha eine Pause gönnt. Sie selbst sinkt wie erschlagen von ihrem Pferd und lehnt sich im Sitzen, Peter immer noch im Arm, mit dem Rücken an einen Baumstamm.

Der Kleine hat sich inzwischen beruhigt. Als sie sein Gesicht studiert, muss Margreth trotz der Schmerzen lächeln.


„Tja jetzt sind wir wohl wieder zu zweit.“ Sie schnauft geschafft und streicht dem Kind über den Kopf. „Ich meine, Jippa und Thessin, also die machen einen kleinen Spaziergang. Mach dir mal keine Sorgen, die zwei sind erstklassige Kämpfer weißt du? Für die ist so was wie die Käbbelei mit den Todeswachen ein Klacks!“ Sie studiert das Kind einen Moment länger, dann füllt sie den umfunktionierten Handschuh und gibt ihm etwas zu trinken. „Und wir sind schon richtig nah an Hillsbrad dran, also würde ich sagen du brauchst dich gar nicht mehr lange zu gedulden. Dann sind wir da. Wird alles gut werden. Bald sind wir da und dann gibt’s für dich was gutes zu essen und ein warmes Haus. Keine bekloppten Verfolgungen mehr und solches Zeugs. Und hübschere Gesichter als meins, da kannst du drauf wetten.“

Zu Margreths linker ertönt ein lautes Knacken in den Büschen und Blätter rascheln. Die Müdigkeit ist mit einem Schlag vergessen. Sie legt Peter mit einer flinken Bewegung ins Laub, steht auf, zieht ihr Schwert und geht in eine leicht geduckte Kampfposition. Ihre Augen suchen aufmerksam das Unterholz ab und sie wünscht sich nichts mehr, als dass sie ihren Schild noch hätte.

„Margreth Tiffen.“ Die Untote, die durch die Büsche tritt, ist hager, größer als Margreth und wie sie in schweres Plattenzeug gekleidet. Ihr Wappenrock zeigt das Wappen Tirisfals. In ihrer Rechten hält sie ein schweres Zweihandschwert. Das, was unter dem Topfhelm von ihrem Gesicht zu erkennen ist, zeigt gelbliche, eingetrocknete Haut und verschrumpelte Lippen.


Margreth macht einen schnellen Schritt rückwärts, blickt sich in alle Richtungen um und verändert ihre Stellung, als noch eine zweite Gestalt, etwas weiter zu ihrer Linken, näher tritt. Der Plattenpanzer dieses Untoten ist fein ziseliert und ausgearbeitet, der lange Umhang wirkt unpassend für den tiefen Wald. Sein Langschwert sitzt in der Scheide an seiner Seite, der Helm liegt unter seinem Arm, an seiner Hüfte. Ein goldener Siegelring schimmert im Licht der Abendsonne.

Zu Lebzeiten muss dieser Mann muskulös und hochgewachsen gewesen sein. Jetzt wirkt er eingefallen, aber noch immer umgibt ihn eine Aura von Stärke und Autorität.


„Ich möchte wirklich nicht gegen euch kämpfen…“ Margreth hebt ihre Klinge ein wenig an und spürt, wie schwer ihr Arm sich anfühlt. Der Fremde lächelt spöttisch.

„Das kann ich mir vorstellen. Wir sind schließlich zu zweit. Und meine Begleiterin, Margret von Eschenbrück hier, gilt als hervorragende Kriegerin.“ Er nickt seiner Begleiterin zu. Dann schaut er Margreth mit unverhohlener Neugier an.

„Wisst ihr wer ich bin?“

„Äh.“ Margreth stutzt kurz – aber vielleicht ist diese Frage auch nur ein Trick. Sie stellt sich einen halben Schritt näher zu Peter, der leise weint und seine Arme ziellos vor sich bewegt. „Nein?“

Der Fremde lächelt nun etwas breiter und nickt seiner Begleiterin erneut zu. Diesmal ein wenig ungeduldig. Sie zögert, lässt ihren Zweihänder aber zumindest etwas sinken.


„Ich bin Exekutor Gathwin von Dolsend. Rechte Hand des Großexekutors Astor.

Wisst ihr zumindest wer das ist, Frau Tiffen?“

Sie runzelt die Stirn und zuckt leicht mit den Achseln. Im Gegensatz zu der anderen Kriegerin senkt Margreth ihr Schwert um keinen Zoll.

„Hört mal, ich habe wirklich keinen Schimmer wer das ist. Ich bin wirklich müde und ich bin weit gereist. Ich habe gerade zwei Freunde verloren, ich sitze hier mitten im Wald und ihr stellt mir Fragen die ich, also nun nicht gerade besonders wichtig finde ehrlich gesagt. Und ich weiß auch nicht ob ich jetzt sagen soll, dass ich erfreut bin euch kennen zu lernen, mit Verlaub! Wenn ihr mir Peter abnehmen wollt, dann kommt her und versucht es!“


Gathwin mustert sie einen Moment lang verschlossen, dann lacht er – ein leises, hauchendes Geräusch, wie Wind der über die Tür einer Gruft streicht.

„Die Geschichten über euch scheinen zu stimmen, Margreth Tiffen. Ihr seid tatsächlich… ungewöhnlich. Nicht besonders klug oder politisch informiert, aber doch… interessant.“ Er wirft einen Blick auf Peter. „Ist das das Kind?“

„Äh nein das ist ein anderes Kind das ich zufällig bei mir habe – ja natürlich ist das das Kind!“ Verwirrung und Wut halten sich in Margreths Stimme die Waage.

„Eine dumme Frage. Ihr habt recht. Würdet ihr es mir zeigen? Oh keine Sorge“, er macht eine abwinkende Bewegung und die Ritterin an seiner Seite tritt nun auch noch einige Schritt weit zurück. „Ihr habt in diesem Moment weder von mir noch von Frau von Eschenbrück hier etwas zu befürchten. Bitte. Zeigt mir das Kind.“ Seine Augen funkeln belustigt.


Margreth zögert einen Moment lang – dann hebt sie Peter wieder in ihre Armbeuge und hält ihn Gathwin hin, so dass er ihn gut sehen kann. Der Untote studiert das Gesicht des quengelnden Kindes so aufmerksam, wie ein Numismatiker eine seltene Münze studieren würde. Er hebt interessiert die Brauen und scheint sich jede Einzelheit des kleinen Gesichtes einprägen zu wollen.

„Interessant. Ihr wollt es nach Hillsbrad bringen?“

„Ihn. Ich werde ihn nicht den Apothekern geben! Er ist ein Kind, beim Licht noch eins! Und Kinder sind kein…!“ Gathwin hebt mit unterbrechender Geste eine Hand.

„Antwortet nur.“

„Ja. Ja, ich will es nach Hillsbrad bringen. Zu Menschen.“

„Nun. Dann tut das doch.“

Margreth blinzelt ihn erstaunt an und schnappt nach Luft… die Erleichterung muss ihr ins Gesicht geschrieben stehen. Die andere Frau, die halb hinter Gathwin steht, sieht eben so erstaunt aus – und knirscht mit den Zähnen.

„Ihr bringt dieses Kind nach Hillsbrad. Es ist nur noch eine Stunde bis zu dem kleinen Pass zwischen den Hügeln, in dieser Richtung.“ Gathwin deutet nach Norden. „Dort fließt der Redpace, ein kleiner aber schneller Strom, von Hillsbrad südwärts. Wenn ihr seinem Lauf folgend durch die Hügel geht, dann kommt ihr an einen Wachturm, den die Menschen nutzen um diesen Durchgang zu sichern.“

Gathwin lächelt sie süffisant an. Margreth starrt völlig verwirrt in sein Gesicht. „Gut, dann… dann mache ich das…“

„Nur eine Sache, Miss Tiffen.“

„Und…“ Es war ja klar, dass noch etwas kommen musste. „…die wäre…?“


Gathwin zuckt die Achseln. „Ihr werdet niemandem sagen, dass diese Begegnung hier stattgefunden hat. Und wenn ihr dieses Kind abgeliefert und an Menschen übergeben habt, dann werdet ihr euch den Todeswachen stellen. Wir schenken euch das Leben dieses Kindes – aber die Verlassenen müssen wissen, dass Verrat bestraft wird. Und ihr seid eine Verräterin. Und werdet bestraft werden.

Wenn wir euch jetzt also ziehen lassen – dann schwört mir, dass ihr nach Tarrens Mühle reisen und euch den ersten Todeswachen stellen werdet, die euren Weg kreuzen.“

Margreth muss über dieses Angebot nicht lange nachdenken. Sie kann hier und jetzt sterben, oder sie kann Peter in Sicherheit bringen. Es ist gar keine Frage, wie sie sich entscheidet. Sie nickt sofort.

„Gut. Gut, das ist soweit klar und ich kann’s ja auch verstehen. Ich schwöre es euch.“ Sie lächelt Gathwin müde an. „So können wir das machen, find’ ich gerecht. Also ich schwöre, dass ich mich danach ergebe.“

Der Exekutor erwidert das Lächeln, auch wenn seines deutlich trockener ist. Fast ist es so, als würden sie einen gemeinsamen Scherz teilen. „Gut. Dann haben wir jetzt einen Handel. Niemand wird euch mehr belästigen.“

Sie kichert. Die Situation ist zu aberwitzig. Sie versteht es auch nicht wirklich… aber sie muss es schließlich auch nicht verstehen. Stattdessen nickt sie Gathwin noch einmal zu und zieht sich an Marthas Zügeln wieder in den Sattel. Um sie herum bricht die Dämmerung herein.

„Danke. Wenn nur alle Leute so vernünftig wären, wisst ihr…“

Gathwin winkt ab. „Reitet, Miss Tiffen. Ich erwarte, euch bald wieder zu sehen.“

Als Margreth langsam davon reitet und dabei leise mit Peter spricht, schauen ihr die Untoten noch eine Zeit lang stumm nach.



[Hier gehts weiter: Margreth Tiffen III: So weit es geht Teil 4 ]

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