FANDOM


Oh nein, das arme kleine Tier. Es hatte sich die Hinterpfote gebrochen und lag hier wehrlos in dieser Felsspalte. Die Nachtelfe näherte sich dem jungen Dachs vorsichtig. Wie er aus diesen schwarzen Knopfaugen so hilflos dreinblickte. Die Spalte war nicht allzu groß, doch die Elfe zwängte sich hinein bis zu dem gefangenen Tier.

Genau Ahnung von dem was sie nun tun müsste hatte sie nicht wirklich. Die Hinterpfote war in einem unnatürlichen Winkel eingeknickt. Seltsam sah es aus. Vorsichtig versuchte die Elfe den Dachs zu berühren, nur ganz leicht, hinter den Ohren. Sie wollte ihn streicheln, damit er sich beruhigen würde. Er sah so gehetzt aus. Und er biss sie! Er hatte ihr in den Finger gebissen. Dabei wollte sie ihm doch nur helfen.

Seine Zähne mochten klein sein, doch er hatte eine tiefe Wunde gerissen, das Blut sprudelte nur so aus der Wunde. Die Elfe versuchte aufzustehen, aber die Spalte war zu eng. Und es hörte nicht auf zu bluten. Verzweifelt hielt sie sich den Finger und Tränen quollen hoch. Warum hatte sie auch nur diesem Tier helfen wollen? Das blöde Vieh. sollte es doch schauen wo es blieb.

Trotzig nahm sie einen kleinen Kiesel und warf ihn nach dem Dachs. Eigentlich nicht um ihm weh zu tun, einfach aus Trotz. Sie war eine Elfe, sie tat keinem Tier etwas zu leide. Sie wollte den Tieren helfen. Doch der Kiesel traf den Dachs genau an der wunden Pfote. Er quiekte laut, es hörte sich seltsam an, dieses Quieken. Und er versuchte nach ihr zu schnappen. Sie wollte zurückweichen und stiess erneut an einen hervorstehenden Stein.

Doofer Stein, doofe Spalte, doofes Tier. Es quiekte noch immer und versuchte die Elfe zu erreichen. Es kroch sogar näher. Panisch nahm sie einen kleinen Stein und warf ihn nach dem Tier. Aufhören sollte es! Der Stein prallte am Körper ab und machte das Tier nur noch wütender. Es wollte gar nicht mehr aufhören zu quieken.

Sie wagte einen Blick auf ihren Finger. Die Wunde blutete noch immer. Sie würde bestimmt verbluten. Hier in dieser engen Felsspalte in der sie jetzt fest hing. Und jetzt fing es noch an zu regnen. Nein halt, das war kein Regen, oder? Sie fasste sich an den Hinterkopf und erschrack. Verdammter Stein. Sie hatte sich den Kopf wirklich hart angeschlagen. Langsam kroch Panik in ihr hoch. Richtige Panik. Sie war noch recht jung und all das wurde ihr zu viel. Viel zu viel.

Und wieder quiekte der Dachs. Er sollte endlich aufhören! Die Elfe hob einen größeren Stein und warf ihn nach dem Tier. Das Tier versuchte auszuweichen, was aber kaum möglich war dank der gebrochenen Hinterpfote. Und so traf dieser Stein den Dachs auf die empfindliche Schnauze. Das Quieken war laut? Nun war es noch lauter.

Voller Wut nahm die Elfe noch einen Stein und warf ihn. Und noch einen. Der eine traf, der andere nicht. Noch einen. Der traf wieder. Der Dachs quiekte noch lauter. Er sollte aufhören. Ruhe! Sie brauchte Ruhe! Dieser blöde Dachs. Sie nahm noch einen Stein, und noch einen. Warf einen nach dem anderen, während ihr die Tränen die Wangen herunterliefen.

Irgendwann gingen ihr die Steine aus. Und die Tränen. Sie wischte sich übers Gesicht. Jetzt war sie auch noch blutverschmiert. Überall Blut! Ihr Blut. Und das Blut des Dachses. Die Steine aus nächster Nähe hatten ihn hart getroffen. Das Tier lag auf der Seite und drehte immer und immer wieder die Augen. Sein Atem ging flach und stoßweise.

Es war doch noch ein Vorrat an Tränen da. Was hatte sie getan? Sie hatte das arme Tier fast getötet. Nur wegen der Wunde am Finger. Die mittlerweile auch aufgehört hatte zu bluten. Das arme Tier aber. Und es lebte noch. Was sollte sie jetzt tun? Es liegen lassen? Das konnte sie nicht. Es litt unerträgliche Qualen.

Aber eigentlich geschah es ihm doch ganz recht. Warum hatte der Dachs sie auch gebissen? Sie wollte nur helfen! Nur helfen! Aber er konnte ja nicht anders, er hatte sich ja angegriffen gefühlt. Sie hatte vielleicht falsch reagiert. Trotzdem hätte er deshalb nicht gleich zubeissen müssen.

Nur was sollte sie jetzt tun?

Verwirrt betrachtete sie dieses blutige Fellknäul mit diesen süßen Augen. Wie süß diese Augen sie doch hilflos anstarrten. Fast niedlich, diese Hilflosigkeit. Aber sie musste ihm helfen. Jetzt helfen. Nur wie? Er würde es nicht überleben, ganz sicher nicht. Sie würde ihm einen Gefallen tun, wenn sie ihn erlösen würde. Nur wie? Ihn töten? Das würde sie nicht übers Herz bringen. Doch sie musste.

Zögerlich nahm sie einen großen, scharfkantigen Brocken mit zwei Händen hoch. Auf den Kopf hauen und er wäre erlöst. Diese süßen Augen. Sie traute sich nicht und warf den Felsbrocken halbherzig auf den Dachs. Es traf ihn auf eine Vorderpfote. Sofort quiekte er wie am Spiess und zappelte wild. Er sollte doch nicht quieken! Aufhören mit dem Quieken!

Eilig nahm sie den Felsbrocken hoch und warf ihn erneut auf den Dachs. Aus nächster Nähe und wieder nur halbherzig. Es traf nur seine Vorderpfote und er wollte nicht aufhören zu quieken, und nicht aufhören zu leben. Dabei schaute er sie mit so süßen Augen an!

Wütend schrie sie ihn an er möge endlich ruhig sein. Nicht quieken, nur süß dreinschauen! Mit vom Zorn verzerrtem Gesicht hob sie den Felsbrocken auf. Dieses mal warf sie ihn nicht. Dieses mal lies sie ihn mit voller Kraft niedersausen. Aber nicht auf die Augen. Die waren so süß. Auf die Brust.

Es gab ein lautes Geräusch wie morsches Holz das zerbrach. Die Augen stierten sie an. Groß und rund und braun blickten sie in die Augen der Elfe und die Hilflosigkeit war wie ein großer ruhiger See... als würde sie darin versinken. Während er sie anschaute aus diesen großen Augen versank sie ihm See seiner Hilflosigkeit. Und immer wieder sauste der Felsbrocken herab und barst einen Knochen nach dem anderen. Diese Augen die sie anstarrten in ihrer Hilflosigkeit. Ein See oder wie war das? Ja es war wie Wasser. Die Seelen der Wesen waren wie große tiefe Seen. Und im Moment ihres Todes konnte man bis auf den Grund sehen.

Die Erkenntnis - es musste eine Erkenntnis sein - traf sie wie in einem Traum. Die Welt war so seltsam langsam an diesem kalten Herbsttage als der Dachs sein Leben aushauchte und ihr einen letzten süßen Blick aus hilflosen Augen schenkte. Augen deren Licht schon längst erloschen war.

Er hatte ihr Einblick in sich selbst gegeben. Ein unglaubliches Gefühl. Und das allein bei einem Tier. Was würde sie wohl bei einem Menschen sehen? Oder gar bei einem Nachtelfen? Sie erschrack bei diesem Gedanken. Wie konnte sie so etwas nur denken? Das war nicht gut. Das alles hier war nicht gut. Das war falsch. Das war böse!

Sie war nicht böse! Das hatte sie nicht gewollt. Sie wollte das alles nicht.

Eilig und leise weinend zwängte sie sich mit Gewalt aus der Felsspalte. Ihre Kleidung riss an einigen Stellen und ihre Haut schürfte sie sich auf. Egal, ,das war egal. Es war eh alles voller Blut und sie musste hier nur weg. Sich reinwaschen. Ja, das würde sie. Reinwaschen von all dem was hier war. In einem Mondbrunnen, ja das war eine gute Idee.

Leise weinend rannte sie durch den Wald. Es war schon sehr dunkel und niemand bemerkte sie. Auch nicht als sie sich in einem der Mondbrunnen badete und ihre Kleider wusch. Am nächsten Tag gab es lautes Gerede. Das Wasser des Brunnes war rot gefärbt. Sie schwieg. Über all das schwieg sie. Auch über all die anderen Male.



Von Kalesh

Störung durch Adblocker erkannt!


Wikia ist eine gebührenfreie Seite, die sich durch Werbung finanziert. Benutzer, die Adblocker einsetzen, haben eine modifizierte Ansicht der Seite.

Wikia ist nicht verfügbar, wenn du weitere Modifikationen in dem Adblocker-Programm gemacht hast. Wenn du sie entfernst, dann wird die Seite ohne Probleme geladen.

Auch bei FANDOM

Zufälliges Wiki