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Qsicon Exzellent Dieser Artikel wurde am 16. September 2013 als Spotlight der Woche vorgestellt.

I

Der Ursprung des Qu'aath liegt im Verborgenen. Viele seiner Karten sind denen aus anderen, weniger komplizierten Spielen Azeroths, ähnlich. Doch wie sie in das Qu'aath gelangten und warum sie stets ein wenig abgeändert, modifiziert oder umgedeutet wurden, vermag kaum jemand zu sagen. Manchen Spielern fällt auf, dass eine Vielzahl der Karten trollischen Usprungs zu sein scheinen, aber auch Goblins und andere Völker scheinen Einflüsse ausgeübt zu haben.

Neben den Karten, die man auch anderswo findet - etwa die Schwert Acht, den Gnoll oder Mutter Garuk - hat das Qu'aath eine Vielzahl eigener Symbole und Wertungen. So etwa Rilkins Täuschung oder Nacht Bei Drei, Alte Schlange und Naspanhi.

Es scheint, dass seit Gründung der neuen Horde eine leicht vereinfachte (also nur noch sehr komplizierte) Form, das Ogrimmar-Qu'aarth, auch in gewissen orkischen Kreisen Verbreitung gefunden hat.


Glücksspieler auf der ganzen Welt praktizieren Qu'aath - es gibt so gut wie kein anderes Spiel, in dem Betrug, Lug und Täuschung derart Tür und Tor geöffnet sind wie im Qu'aath.

Dies hängt natürlich direkt mit der Komplexität des Qu'aath-Regelwerkes zusammen. Ob man nach Stonard-Regeln (die die modernsten sind) oder nach dem Thorn-Kodex spielt (in dem man Belagerung nur in Zusammenhang mit dem legen einer Whuus-Reihe erklären darf) kann ganze Spielzüge umkehren, in ihrer Bedeutung ändern oder ihren taktischen Wert völlig neu definieren. Die Verhandlung zwischen professionellen Qu'aath-Spielern nimmt daher oft bereits eine Stunde in Anspruch , ehe die Karten überhaupt ausgelegt werden. Und man sollte sich diese Zeit nehmen, denn bei kaum einem Spiel gibt es mehr Streit und Messerstechereien als im Qu'aath.

Mama Jippa ritt durch den Dschungel.

Es war ein verdammt verregneter Dschungel, und er begann ihr auf den Sack zu gehen. Der Regen stürzte aus dröhnenden, schweren Wolken auf Stranglethorn, so als wären sie Schwämme die ein wütender Gott gerade auszuwringen beschlossen hatte. Er regnete auf den schier unendlichen Wald, pladderte über die Baumkronen der Urwaldriesen, sammelte sich an den Ästen und Blätterbüscheln zu Rinnsalen, vereinigte sich an Lianen und Stämmen zu Bächen. Er klatschte, rann und spritzte tosend zu Boden, schwemmte die schwere, schwarze Erde auf, füllte Senken, unterspülte Baumwurzeln, beherrschte den ganzen Urwald.

Es war eben verfoohkt nass.

Jippa hatte an sich kein Problem mit Nässe, besonders nicht mit der der Regenzeit. Sie war immerhin eine Darkspear und eine Anduri, und Dschungel war Dschungel, man kam eben damit klar wenn er den Harten spielte. Dschungeltrolle, die nicht mit Regen klarkamen, hatten mit wirklich ernsthaften psychischen Problemen zu rechnen.

In diesem Fall störte der Regen sie allerdings. Denn sie war verletzt, todmüde und fürchtete verfolgt zu werden.

Fürchten ist vielleicht ein zu starkes Wort. Es gab nicht sehr viele Dinge, die Mama Ghinzan Jippa, Ratsfrau der Ehrenwerten Anduri, fürchtete. Aber sie war sich durchaus im Klaren darüber, dass es ein Problem war, wenn sie sich noch verfolgten. Sie war nicht in der besten Verfassung, sie hatte seit zwei Tagen nicht geschlafen und außerdem eine gerade erst verheilte Stichwunde in der linken Rippenpartie. Wenn sie sie wirklich noch verfolgten - was ihr Gefühl ihr sagte - dann bedeutete das, dass ihr Anführer entschlossen war sie zu kriegen. Und Mama Jippa empfand keine besondere Vorfreude auf die Vorstellung, in ihre Hände zu fallen. Sie hätte deutlich lieber die Küste erreicht und sich nach Grom'Gol durchgeschlagen, ohne noch tiefer in den Dreck zu geraten als sie es ohnehin schon war.

Sie hatte den Kopf jetzt leicht gesenkt und hielt sich mit einer gewissen Mühe auf dem Raptor. Das Wasser hatte ihren Filzhut längst durchnässt und ihre Frisur gelöst, so dass ihr lilapinkes Haupthaar in Strähnen darunter hervorhing. Mehr Wasser rann ihr unaufhörlich über das Gesicht, was das sehen verdammt schwer machte.

"Rmmh... fucko mann..." Jetzt tastete sie mit einer Klaue nach dem Wyvernleder-Futteral an ihrer Seite, knöpfte es mit einiger Mühe auf und zog einen Zigarillo aus der wasserfesten Umhüllung. Schon auf dem Weg zu ihrem Mund wurde er mehr als nass. Sie biss die Spitze trotzdem ab, spuckte sie zur Seite weg und klemmte das Ding zwischen ihre Lippen. Dann krallte sie sich mit der anderen Klaue um so fester in Neh'jins Zügel und konzentrierte sich darauf, ein Flämmchen zu rufen und den Tabak zu entzünden. Es dauerte ein wenig, weil sie so verfoohkt müde war. Ihr Mojo fühlte sich verdünnt und schwach an. Dann schaffte sie es endlich, der Tabak zischte unwillig und begann zu qualmen und sie nahm einen ersten Zug. Sie musste zu ihrer milden Verärgerung feststellen, dass der nass brennende Tabak ungefähr so schmeckte, wie brennende Kodoscheiße riecht.

Mama Jippa richtete sich auf ihrem Raptor ein wenig auf. Sie öffnete die Augen weiter, um sich wieder einmal umzusehen, und spürte, dass etwas gegen ihre Brust schlug. Sie blinzelte leicht verwirrt, sah an sich herunter und direkt auf einen Pfeil, der sehr genau zwischen ihren Brüsten aus ihrem Oberkörper ragte. Das gefiederte Ende zitterte noch leicht.

Na ja... Kacke.

"Wassn das jetz' wieder für ne Scheiße", murmelte sie mürrisch und blickte sich um. In diesem Moment begann die Welt zu schwanken und irgendwie dunkler zu werden, ihre Füße prickelten kühl und sie stellte fest, dass Neh'jin sie abwarf... oder so ähnlich. Der Boden kam ihr einladend näher und sie klatschte in den halbflüssigen Schlamm.

Für einen Augenblick dachte Jippa, dass sie nun das Bewusstsein verlieren würde. Das wäre einerseits angenehm, weil es bedeuten würde, dass der verkackte Schmerz, der wirklich nicht unenorm war, aufhören würde. Andererseits war sie sich ziemlich sicher, dass sie gleich sterben würde. Und sie hatte eigentlich vorgehabt, wach und mit offenen Augen abzutreten, wenn es dann soweit war.

Das Gefühl wegzugleiten verging und etwas Licht und ein wenig Farbe kehrten in die Welt zurück. Jippa stemmte sich mühsam hoch. Selten in ihrem Leben war ihr etwas so verdammt schwer gefallen, fuc.ko sie war wirklich ziemlich im Ar.sch, der ganze Körper fühlte sich an wie mit Gewichten beschwert und eine ziemliche Menge Blut sprudelte aus ihr heraus. Sie kam halb auf ihrem Hintern zu sitzen, betrachtete den Pfeil, der noch immer in ihr steckte, und umfasste ihn mit einer Klaue. Dann bemerkte sie Bewegung am Rand ihres Blickfeldes und sah auf.

Bracko und seine Männer traten und kletterten aus ihrer Deckung. Sie kamen in einem Halbkreis langsam näher, ein guter Teil des übelsten Abschaums von Stranglethorn. Einige richteten Bögen und Armbrüste auf sie, einige hatten Schwerter und Äxte, Speere und Macheten. Ihre Gesichter waren ernst, konzentriert und gefährlich. Und Jippa musste sich eingestehen, dass sie definitiv nicht mehr als einen schwachen Feuerzauber zustande bringen würde. Sie war ausgepumpt. Und das war nun wirklich ärgerlich. Denn sie hatte nicht nur vorgehabt mit offenen Augen abzutreten, sie hatte auch immer gedacht sie würde es eines Tages mit einem Knall tun.

"Du siehst nicht gut aus, Jippa." Bracko, dieser verdammte Menschenbastard, störte sich nicht an dem Regen. Er machte ebenfalls einen müden Eindruck aber er war weit davon entfernt so erledigt zu sein wie sie. "Brauchst du schon eine Pause? Können wir dir helfen?" Seine Männer kamen näher.

Die sitzende Mama Jippa sah zu ihnen hoch, schürzte leicht die Lippen und nickte Bracko anerkennend zu. Das hatte er nicht übel gemacht, musste sie zugeben. Das war's also.

Es war schon interessant, wie das Leben so spielte. Man überlebte allen möglichen Dreck, den Feuerfürsten und den Blutgott, tausend Gefahren. Und dann war die Show doch irgendwann einfach vorbei.

Jippa nahm den abgeknickten, erloschenen Zigarillo aus ihrem Mundwinkel und warf ihn nach links in den Schlamm. Ihre Augen glitten zuerst kurz über die Lichtung und zu den Menschen, Zwergen und Trollen die sie umringt hatten. Mehrere ließen ihre Fingerknöchel knacken.

Zuletzt sah sie Bracko an.

"Du kannst aufhör'n mich mit deinem Gequatsche zu langweilen, mann. Tut mir mehr weh als der verkackte Pfeil."

Seine Kiefermuskeln traten ein wenig hervor, aber er nickte grinsend. "Gute Antwort."

Und dann gingen sie alle auf sie los, traten, schlugen und prügelten auf sie ein, bedeckten sie mit Hieben, brachen ihr Rippen, hämmerten gegen ihren Schädel, und so weiter und so fort, war ja irgendwie klar, so dass sie relativ schnell nichts mehr mitbekam und einfach weg war.

Abgetreten?

II

Im Qu'aath wird nicht geblufft. Man spielt es einfach. Zu Beginn des Spiels steht die Phase der Deklaration - und mehr kann man dazu nicht sagen, denn die Deklaration hat keinen festen Zweck, sondern kann in verschiedenen Eröffnungen eines der Spieler enden. Die Deklaration kann zwar durchaus ein dem Bluffen ähnlicher Vorgang sein, jedoch eben so gut ein offener Schlagabtausch. Qu'aath-Spieler bluffen in der Regel nicht. Sie spielen Qu'aath.

Und so kam das:

"Snaji." Jippas Stimme.

Stille.

"Robek." Ein kratzender, menschlicher Bariton.

Stille.

"Uceti."

Stille.

"Leeroy."

Stille.

"Drei Häuser Eins."

Mehr Stille.

"Glood."

"Ayah."

Stille.

"Tryptichis."

"Eh, warte mal."

Die Schenke war nicht überfüllt, aber gut besucht. Es handelte sich um eine der namenlosen Kaschemmen am Rande Booty Bays, die direkt an den steilen Hängen erbaut waren, welche die Stadt eingrenzten. Die Beleuchtung war so indirekt, dass man sie auch als nicht vorhanden bezeichnen konnte. Eigentlich stammte sie nur von dem Rauchwerk des anwesenden Abschaums und einem Feuer, das im uralten Eisenofen hinter der Theke brannte.

Jippa war erst heute mit dem Schiff angekommen, hatte sich unten im Hafen danach erkundigt ob andere Anduri in der Stadt waren (das war nicht so) und war danach die Stege und Stiegen hinaufgegangen, die aus dem Hafenbecken an die Talwände führten. Der äußerste Randbezirk, über dem kein Bauen mehr möglich war, wurde Die Schachteln genannt. Sie hatte sich auf die Suche nach der Kneipe gemacht, die man ihr genannt hatte - kein offizielles Gasthaus, einfach ein etwas größerer Bau aus dem gleichen verwitterten, salzigen, brüchigen Treibholz wie der Rest der Gebäude, Der Besitzer hatte im Erdgeschoss einfach genug Platz um Gäste empfangen zu können, hatte sich Bier, Schnaps und Rauschkraut beschafft, und eine weitere anonyme Schnapsgruft war geboren worden.

Die Häuser in Die Schachteln waren in den Hang gebaut wie Schwalbennester, miteinander durch Stege und hölzerne Gangways verbunden, übereinander und ineinander.... na ja, verschachtelt eben, wie die Kreation eines völlig Verrückten. Immer mal wieder brachen kleine Stücke von den notdürftig gezimmerten Behausungen ab und klatschten hinunter auf die weiter hangabwärts befindlichen Häuser. Diejenigehn, die schon länger in Booty Bay wohnten, lachten über jeden, der unterhalb der Schachteln Bauland erwarb. Bei der Berühmten Regenzeit (vor etwa zehn Jahren) war der Boden derart unterspült worden, dass eines Nachts mehr als einhundert Bewohner mitsamt ihren Barracken in einer Lawine aus Schlamm, Geröll und Holztrümmern in die Tiefe gestürzt waren.

Baron Revilgaz bezeichnete die Bewohner von Die Schachteln als "Rückgrad unserer stolzen Stadt". Was er damit meinte war, dass diese armen Schweine alles an gefährlicher, ungesunder Drecksarbeit aufgeladen bekamen, was in einer Hafen- und Seeräuberstadt nun einmal getan werden musste. Sie arbeiteten als Dockarbeiter und Schauerleute, Hilfshandwerker und Lastenträger, verkauften ihre unterernährten Kinder als Schiffsjungen oder direkt als Sklaven an die Blackwater-Räuber und stahlen sich ihr Essen zusammen, wenn sie einmal nicht genug Arbeit bekamen. Die Schachteln war mit die miesteste Ecke in einer Stadt, die kaum gute Ecken kannte.

Eigentlich war der Abend oh key, entspannt halt, ganz nett einen alten Bekannten wiederzusehen, dem man fast vertrauen konnte.

Jippa hatte sich einen Rum bestellt und auf Tasaca gewartet. Er war nur wenig später eingetroffen, hatte sie angegrinst, genickt und sich zu ihr gesetzt. Sie hatten ein wenig geplaudert, wie in alten Zeiten. Es gab nicht besonders viele Menschen, die wussten, wie man wirklich entspannt quatschte, ohne gezwungen zu wirken. Tasaca war einer, der es konnte.

Sie hatten beide zu Thickbelchs Leuten gehört und in den Sümpfen des Elends gearbeitet. So wie Jippa und Papa Fran'ji Sonderlinge in der abgerissenen Truppe des Doomlords waren, so war Tasaca auch einer gewesen. Ex-Pirat, Sprachexperte, vorzüglicher Sklavenjäger, guter Qu'aath-Spieler. Er war damals schon nicht mehr der jüngste. Jetzt war sein Schnurrbart weiß, das Haar auf dem Kopf ging ihm aus und wirkte um die Ohren herum flusig und flaumig wie das eines Gnoms.Seine braune Haut hatte noch mehr Falten als früher, aber man sah sie fast nur, wenn Tasaca lachte. Er war ein hagerer Typ, und die Haut lag straff gespannt an seinem Schädel. Genau wie früher fiel Jippa beim Wiedersehen als erstes auf, dass sein Schrumpfkopf einen sehr konzentrierten Gesichtsausdruck haben würde, wenn man jemals einen anfertigen sollte. Natürlich hatte sie ihm das nie gesagt. In mancherlei Hinsicht sind Menschen einfach verfoohkt empfindlich. Sie hatte mal rausgefunden, dass Schrumpfköpfe so ein Thema waren.

Seine Kleidung war heute genau so unauffällig wie damals: Weißes Leinenhemd, braune Lederhose, offene Lederweste mit Kupferknöpfen. Ein Dolch in seinem Gürtel, sonst keine Waffen sichtbar. Was nicht bedeutete, dass er nicht noch welche trug. Tasaca mochte im Ruhestand sein. Aber manche Gewohnheiten legt man auch nach seiner aktiven Zeit nicht ab.

Nachdem sie eine zeitlang geplaudert hatten, hatte er mit einem Schmunzeln sein Kartenset gezogen. das gleiche wie früher, ein ziemlich gutes Set irgendwo aus Tanaris, bunte, fast fröhliche Bilder in starken Farben. Er hatte gegeben, sie hatte genommen. Sie wusste, er würde zum Punkt kommen, wenn er soweit war. Er wusste schließlich, weshalb sie ihm geschrieben hatte.

Wo waren wir? Ach ja.

Und so kam das also:

"Snaji." Jippas Stimme.

Stille.

"Robek." Tasacas Stimme.

Stille.

"Uceti."

Stille.

"Leeroy."

Stille.

"Drei Häuser Eins."

Mehr Stille.

"Glood."

"Ayah."

Stille.

"Tryptichis."

"Eh, warte mal."

"Was denn?"

"Ich hab' nicht deklariert, mann. Ich hab' 'Ayah' gesagt. Dies war lediglich ein Füllwort. Ich denke nach."

Tasaca sah Jippa über seine Karten hinweg an und zog die Brauen leicht zusammen. Er sprach stets sehr sanft und bedacht, ein Umstand den sie immer als äußerst entspannend empfunden hatte. Er tat das auch, wenn er versklavte Familien trennte oder Gefangene zu Tode peitschte oder so. Er war ein Mann der Konstanten, ein echt lockerer Typo. Sie respektierte das.

"Jipps. Du tust das gleiche, was du früher auch getan hast. Ich bin kein Freund davon."

"Erläutere mir, was ich tue."

"Du tust es auch jetzt. In genau diesem Moment, Jipps."

"No Ahnung wovon du sprichst, mann."

Tasaca seufzte - sanft - und legte seine Karten abgedeckt auf den Tisch. Sein Blick war milde vorwurfsvoll. "Du tust kleine Dinge, um dein Gegenüber zu verwirren. Du versuchst, die Initiative zu gewinnen." Er nahm einen Schluck aus seinem Becher und leckte sich mit der Zungenspitze über die Oberlippe. "Das funktioniert sicher bei vielen. Aber doch nicht bei mir."

"Du hast völlig recht, mann. Mein Fehler. Oh key, du sagtest Vatto. Oder?"

Er blinzelte.

"Nein. Nein, Jippa. Das sagte ich nicht. Ich sagte nicht Vatto. Und jetzt hör bitte auf mit dieser verdammten Scheiße. Ich bin zu alt dafür, wirklich."

Jippa hob eine Braue. "Oh key ich seh schon, dein Ruhestand hat dich zu 'nem glücklicheren Menschen gemacht."


Tasaca lehnte sich zurück. "Mein Ruhestand... vergessen wir das, in Ordnung? Spielen wir später. Du willst etwas haben, ich habe es, und vielleicht wickeln wir das zuerst ab."

"Bueno." Sie nahm noch einen Zug von ihrem Zigarillo und wartete. Er griff bedächtig nach seinem Gürtel, öffnete eine Tasche und legte einen unspektakulär wirkenden Stein vor sie auf den Tisch. Ein oder zwei Gäste sahen hin - und wieder weg. Der Stein glitzerte nicht. Uninteressant für jeden normalen Raubmörder.

Mama Jippa hatte eine Menge alte Kontakte anzapfen und einige davon teuer schmieren müssen, um bis zu diesem Stein zu kommen. Als sie ihn sah, erinnerte sie sich wieder an Jahjin vor dem Dunklen Portal. Der Stein, der er gehalten hatte, war anders geformt gewesen. Aber das Material war das gleiche. Tasaca hatte Wort gehalten.

Jippa war milde erstaunt davon, dass sie den Impuls unterdrücken musste, direkt nach dem Ding zu greifen. Aber ja.... das Portal ging ihr nicht mehr aus dem Kopf. Das war der Grund aus dem sie hier war, nicht? Hakkars Aufmarsch war gestoppt. Ragnaros' Armee hatte schwere Verluste hingenommen. Die Anduri waren stark. Der Hauch war.... ehrlich gesagt immer noch ein Scheißhaufen, aber irgendwie hatte er Erfolg. Vermutlich wegen ihr, da war sie ziemlich sicher.

Und sie, Mama Jippa, hatte weil alles so gut lief zum ersten Mal in ihrem Leben das Gefühl, an einem Schlusspunkt angelangt zu sein. Sie mochte dieses Gefühl nicht.

Die Welt war immer groß gewesen. Groß, wild, verschissen gefährlich, geheimnisvoll, tödlich. Es war immer eine Reise auf Messers Schneide gewesen. All die Zeit, seit sie vor 20 Jahren als junges rotznäsiges Ding mit großen, blöden Augen ihre Heimat verlassen hatte, war es das Risiko gewesen, das sie gereizt hatte. Sie war eine intelligente (und sehr attraktive, klar) Trollin. Sie wusste wie sie tickte. Sie brauchte den Kitzel. Das Wissen, dass man mit dem Teufel tanzt und auf Feuer reitet, gerade so sehr vom Druck der Hitze weggestoßen wird, dass einen die Flammen nicht verglühen lassen, gerade so schnell ist, dass man den Klingen und Klauen, Pfeilen und Zaubersprüchen eine Haaresbreite voraus sein kann. Kämpfen, bluten, zu Boden gehen, aufstehen, zurückschlagen. Immer härter zuschlagen als der andere, immer noch einen Trick in der Hinterhand haben, immer noch einmal davonkommen. Niemandem etwas beweisen müssen, und genau deshalb so verdammt gut sein.

Aber dieses Gefühl wurde schwächer. Es nahm ab als Hakkar fiel, es verblasste fast vollständig als Ragnaros fiel. Es war der Kampf, der den Reiz ausmachte. Der Sieg war nur der Höhepunkt einer heißen Nacht - ohne diesen Höhepunkt wäre das Ganze nur halb so spaßig, aber trotzdem war der Weg das Ziel. Nicht zu wissen ob sie es packte, das war der Reiz. Der Sieg war letztendlich immer auch eine Enttäuschung.

Sicher, sie war völlig behämmert. Das war keine Frage für Jippa, sie hatte ein Rad ab. Das war ihr klar.

Aber sie lebte ihr Leben so, wie sie es verfoohkt nochmal wollte. Und jetzt stand sie hinter geschlagenen Feinden in einer Welt, die sie rauf und runter bereist hatte und fragte sich, ob das schon alles war. Hatte sie endgültig gewonnen? Fuc.ko, gab die Welt klein bei? Das konnte nur ein Witz sein, das konnte unmöglich schon alles gewesen sein, was das Leben nach einem schmeißen konnte.

Es gab natürlich noch die Käfer im Süden, die Geißel und die Allianz. Man konnte sein Leben lang Leute umlegen und würde immer noch was zu tun haben. Aber es ging nicht darum, einfach etwas zu tun. Es ging um... den Kitzel.

Wenn der Kitzel nicht wiederkam, steckte sie wirklich, ernsthaft und tief in Schwierigkeiten. Das war ihr klar. Denn vielleicht war der Kitzel das Einzige, was sie immer am Leben gehalten hatte. Neben ihrem verdammt guten Aussehen und ihren extremen Fähigkeiten natürlich.

Und dann hatte Jahjin ihnen von dem Stein erzählt. Und sie und er hatten es als Einzige zum Portal geschafft, während Zuul, Zircha, Yuumaa und die anderen hinter ihnen die Dämonen beschäftigten. Und er war durch das Scheißteil hindurch getreten und sehr schnell kleiner geworden... und war fort.

Sie hatte sich tagelang geärgert, dass sie ihm nicht in den Rücken geschossen und sich selbst auf die Reise gemacht hatte.

Eine neue Welt... Was für Feinde würde es dort geben? Auf wie viele üble Arten konnte man dort vielleicht draufgehen? Was wartete da drüben auf das zarte Trollfleisch einer echt heißen Braut? Und wie würde es schreien, wenn es brannte?

Tasaca schnippste vor ihren Augen mit den Fingern und sie blinzelte und kam zurück. Sie war mit ihrem Blick regelrecht in dem unscheinbaren Stein versunken.

"Du träumst. Das sieht man nicht oft." Er lächelte. "50 Goldstücke, harte Währung. Alianzgold oder Hordeprägung ist mir gleich."

Sie legte den Beutel auf den Tisch und nickte. "Ayah. Zähls durch, mann."

Er zählte, sie nahm den Stein in die Hand. Es steckte Macht darin, aber sie hatte keine Ahnung was für eine Macht es war. Er fühlte sich glatt, kühl und schwer an wie Obsidian.

"Er stammt von einem Kerl, der vor ungefähr zwei Jahren hier aufgeschlagen ist", sagte Tasaca, während er die Münzen auf seinem Schoß zählte, wo die anderen trinker sie nicht sehen konnten. "Ein haarloser, verwachsener Typ, zuerst hat man ihn für einen kahlen Gnoll gehalten. War er aber nicht. Er hatte einen unaussprechlichen Namen, hat eine zeitlang als Wahrsager gearbeitet und sich ansonsten genau so totgesoffen wie alle anderen, die in den Schachteln versacken. Hat bis zum Ende des letzten Monats dafür gebraucht." Tasaca hob die Augen kurz zu Jippas Gesicht. "Ich hab' ab und zu mit ihm geplaudert. Und er war ein guter Qu'aath-Spieler. Er sagte mal, der Spruch dass Qu'aath so ist wie das Leben, sei nicht richtig. Es müsse heißen 'Das Leben ist wie Qu'aath'."

"Und was hat dieser Mann gesagt, woher er kommt."

"Hat er nie. Er hat nur mal gesagt er sei ein Flüchtling. Ich hab' ihn gefragt, ob er keine Möglichkeit hätte, nach Hause zu kommen. Er war an dem Abend tierisch besoffen - er vertrug nicht grade viel. Er sah mich mit einem ziemlich gruseligen Blick an und meinte das wäre nicht das Problem. Das Problem wäre, dass sein Zuhause bald zu ihm kommen würde."

"Ayah. Wie rätselhaft, mann."

Tasaca schien zufrieden zu sein und steckte den Goldbeutel ein. "Und mehr kann ich dir nicht sagen, denn ein paar Tage später ist er an seiner Kotze erstickt, nachdem er es wohl ein bisschen übertrieben hatte. War vielleicht besser so. Die Leute wollten ihm kein Geld mehr für seine Wahrsagerei bezahlen, weil er allen nur noch Unheil prophezeit hat. Ich war einer der ersten die seine Bude erreicht haben, um sie auszuräumen. Den Stein wollte keiner außer mir."

Tasaca zuckte lächelnd die Achseln. "Spielen wir also eine Runde Qu'aath, bevor du abreist?"

In diesem Moment öffnete sich die Tür, und sie traten ein, und die ganze Scheiße kam ins Rollen. Der untersetzte blonde Mensch mit dem Wurfmesser-Brustgurt, der kahle Ork in schwarzem Leder, die dunkelhäutige Menschenfrau mit dem Langschwert auf dem Rücken und die vernarbte, braunhaarige Taurin, in deren Hand eine zeimlich gewaltige Keule lag. Sie sahen aus wie Gesindel, aber nicht wie das übliche Gesindel der Schachteln. Sie sahen aus wie heruntergekommene Profis - aber eben wie Profis. Ihre Blicke glitten kurz über die Anwesenden. Gespräche wurden unterbrochen, Gäste wichen von ihnen zurück, ein oder zwei huschten zum Hinterausgang, um die Kneipe zu verlassen. Der Wirt machte ein besorgtes Gesicht. Und Tasaca verzog den Mund und lehnte sich so entspannt zurück, wie man es nur tut, wenn man sich unauffällig kampfbereit machen möchte.

"Ach bitte, doch nicht jetzt", sagte er. "Brackos Leute."

III

Die Anzahl der Teilnehmer eines Qu'aath ist theoretisch unbegrenzt, sofern genügend Karten vorhanden sind. Nehmen mehr als drei Spieler teil, wird ein zweites, bei größeren Gruppen ein drittes und viertes Deck benötigt. Man mischt die Karten und teilt sie nach dem Spiel wieder in die ursprünglichen Decks auf. Der taktische Spielraum erhöht sich dadurch natürlich enorm, allerdings können durch diese Misch-Spiele auch Karten in die Runde kommen, die in den anderen Decks nicht enthalten sind. Durstiger Goblin zum Beispiel ist längst nicht in jedem Qu'aath-Spiel vorhanden.

Schnelle Züge und Entscheidungen werden in Runden mit mehr als zwei Spielern als Frage der Höflichkeit betrachtet.

Eigentlich war es ganz einfach, jedenfalls nicht überraschend sondern glasklar zu durchschauen, was jetzt kommen würde. Die vier Typos wollten Streit. Sie rochen so richtig nach Streitlust, sie verbreiteten den Geruch von Ärger aus jeder Pore und hielten mit jedem Blick Ausschau nach einem Grund, jemanden abzurippen. Jippa kannte diesen Blick gut - hey, sie hatte ihn selbst schon öfter mal draufgehabt, beonders in der guten alten Zeit.

Man konnte natürlich versuchen, sich aus der Affäre zu ziehen und abzuhauen, wenn solche Leute auftauchten. Damit konnte man Blutvergießen und vielleicht Schlimmeres vermeiden.

Hatte sie mal von irgend so einer feigen Sau gehört.

Der Blonde, untersetzte Mensch hatte ein ziemlich arrogantes Lächeln in seinem Blassgesicht, als er Tasaca sah. Seine Leute schienen Jippas alten Chummo ebenfalls zu erkennen. Sie richteten sich sofort auf den Ecktisch aus, blieben knapp hinter dem Blondschopf (interessante Kopfrundung, man würde die Naht wohl links setzen müssen, wenn man ihn schrumpfte), fächerten ein wenig aus. Brackos Leute... sie kannte den Kerl. Ein Söldnerführer, Mensch, angeblich ziemlich gut im Geschäft. Sie hatte ihn sogar mal irgendwann in Zuuls Stammkneipe getroffen.

"Sacka", sagte der Blonde zu Tasaca und legte seine Hände an seinen Gürtel. "Weißt du, wir haben dich gesucht. Wer ist denn die Bananenfres.serin da?"

Jippa hob eine Braue. Sie legte mit einer sehr langsamen Bewegung ihren Zigarillo weg, betrachtete die vier und ließ Tasaca reden. Der blieb vorerst sachlich, fast liebenswürdig.

"Darf ich vorstellen: Das ist Ghinzan Jippa. Jippa, das ist Willam, ein Bekannter. Und Willam: Du hast da gerade meinen Namen falsch ausgesprochen." Tasaca lächelt sehr leicht und schmallippig. Er bewegte seinen linken Arm, wie um den Ellbogen zu strecken. Wie ein alter Mann das eben so tut. Das äußerst leise Klicken geölten Metalls, dass dabei zu hören war, konnte vermutlich nur Jippa vernehmen, die direkt neben ihm saß. Willam schien inzwischen seinen Vorrat an Höflichkeit aufgebraucht zu haben. Na ja, er war jung. Klar, er war es wahrscheinlich gewohnt dass Typos einknickten, wenn er sie schubste.

"Ist mir an sich scheißegal wie man deinen Namen ausspricht. Ich glaube ich nenne dich ab jetzt einfach alter Knacker. Wie klingt das? Denn du bist ja ein alter Knacker, richtig? Und ich glaube, du hast etwas geklaut, das dir nicht gehört - oder nicht, du verdammter alter Knacker? Jedenfalls hör' ich, dass Leland dir einen Stein überlassen hat, weil er dachte der wäre wertlos. Aber Bracko hätte ihn jetzt doch gerne. Und du weißt das schon seit Tagen, denke ich."

Jippa wunderte sich ein wenig. Oh key, Tasaca war im Ruhestand, wollte keinen Stress, hatte sich hier irgendwie... irgendwas aufgebaut, wie auch immer. Alles schön und gut. Jetzt stellte sich allerdings dennoch die Frage, warum zum Henker er auf eine Weise mit sich reden ließ, für die er vor ein paar Jahren noch einem Typen die Arme mehrfach gebrochen und auf seinem Rücken zu einer lustigen Spirale zusammengedrahtet hätte.

Tasaca, der offensichtlich nicht nur ein lässiger, sondern auch ein sehr intuitiver Mensch war, wandte sein Gesicht Jippa zu und sagte äußerst entspannt und aufrichtig zu ihr, so dass es auch die Vier gut hören konnten:

"Ich habe in diesem Drecksloch jetzt drei Jahre 'Ruhestand' verbracht und wirklich mein Bestes getan, um mich aus allem rauszuhalten. Aber ich kann dir sagen... ich bin nicht für den Ruhestand geschaffen. Es gibt so viele Leute, denen man einfach mal ins Gesicht treten will, oder nicht? Muss man sich als alter Hase von so einem jungen, kleinen Pen.ner solche billigen Einschüchterungsversuche anhören?" Er lächelte entschuldigend.

"Dein Gold ist eine kleine Unterstützung für eine gute Bekannte, die ein Bordell in der Stadt hier hat. Ich gebe es ihr, dann verschwinde ich und gehe irgendwo anders hin."

Willam starrte Tasaca ungläubig an - Wut und Erstaunen kämpften in seinem ziemlich hässlichen Gesicht, und nach ein paar Sekunden gewann die Wut. Seine Leute umfassten ihre Waffen fester. "Sag mal was meinst du eigentlich...."

Jippa achtete nicht auf den kleinen Verlierer. Er war nicht besonders clever und offensichtlich ein arroganter Typ. Sie konnte arrogante Leute nicht ausstehen. Und eines war klar: Er gehörte zu der Sorte, die erst angriffen, wenn sie Aufmerksamkeit hatten. Für diesen Typo war das ganze Leben ein Auftritt vor Publikum.

"Bueno, Baby. Das bedeutet also du hast mir einen Stein verkauft, den auch dieser Mann da will. Und jetzt sitz' ich so mit dir hier rum, gerade quatschen wir noch entspannt, alles ist locker. Dann kommt er, und nun willst du mal grade, dass wir das noch schnell klären."

"Was meint ihr beide eigentlich....!"

"Halt mal kurz die Fres.se, mann." Jippa sah ihn nichtmal an.

Tasaca lächelte auf eine luftige "Ach, wie gut du mich kennst"-Weise. Dann drehten sie beide die Köpfe und schauten zu Willam.

"Kann losgehn", sagte Jippa.

Na ja, und dann ging es halt los.

Willam knurrte und griff nach dem Totschläger in seinem Gürtel. Die schwarze Menschenfrau griff nach ihrem Schwert. Der Ork machte einen Sprung zur Seite und begann zu verschwimmen - ein ausgebildeter Schurke, aha. Die Taurin machte zwei Schritte auf Jippa und Tasaca zu, hob ihre mächtige Keule.

Na ja und klar, sie machten sie fertig.

Tasacas Unterarm-Pfeilschleuder schnappte auf und schoss der Schwertkämpferin einen Bolzen direkt durch die Kehle, schleuderte sie rückwärts und nagelte sie sauber an die Wand, wo sie einen Augenblick lang gurgelnd und spritzend hing, bevor der Bolzen abbrach und sie auf den Boden klatschte. Jippa sprang auf, trat den Tisch nach vorne, hob die Hände, eröffnete mit einem Hauch eiskalter Luft, die die Taurin mit Reif überzog und schmerzerfüllt schnaufen ließ. Dann eine zweite Geste, ganz ii'sii... Booom, der Klassiker, ein sauberer Feuerschlag. Die Luft flimmerte eine Sekunde lang um die Taurin herum, dann zündete das Mojo, perlte so richtig schön aus und knisterte fauchend in der Luft. Fell brennt immer gleich doppelt so gut. Die Taurin taumelte schreiend rückwärts, hatte irgendwie die Lust auf Stress verloren (hatte ja jetzt auch genug) und berserkte durch die ganze baufällige Kneipe als würde sie... na ja, in Flammen stehen halt. Genau.

Im selben Moment tauchte der verschwundene Ork wieder auf, machte eine Pirouette an Jippa vorbei - ziemlich fix sogar, gar nicht so übel der Kerl - und zog ihr seinen Dolch über die Rippen. Dreck, Treffer, musste man ihm lassen. Fühlte sich nach einer Wunde bis auf die Knochen an. Tasaca griff von der Seite seinen Arm, drehte ihn, der Dolch flog sonstwohin, die beiden krachten gemeinsam gegen die Wand und die ganze Bude zitterte.

Die Taurin hatte inzwischen mit ihrem Rumgerenne zwar nicht die Flammen gelöscht, aber sie riss einen der Stützpfosten weg, die die Hütte halbwegs stabilisierten. Das war insofern kacke, dass jetzt eine Hälfte der Decke laut knirschte und sich direkt um einen halben Meter absenkte. Viel Notiz konnte Jippa davon allerdings nicht nehmen, weil Willam, der blonde Möchtegern-Profi, gerade einen Wurfdolch hochriss und nach ihr schleuderte.

Noch ein Wort, noch 'ne Geste, ein Manaschild ließ das Teil abprallen. Tasaca und der Ork tanzten rechts miteinander und krachten jetzt gegen die improvisierte Theke, wodurch die umkippte und einen Teil der Rückwand einriss. Die Taurin schrie noch ein wenig lauter (allerdings nicht sowas wie "Wasser bitte" sondern was völlig Unverständliches) und brach durch eine der Seitenwände nach draußen. Immerhin hatte sie genug brennendes Fell verteilt, dass es ein paar qualmende Stellen gab, die jetzt ebenfalls zu knistern anfingen. Salziges, altes Treibholz... tja.

Willam hatte mitgekriegt dass Wurfmesser nicht so viel Sinn machten und stürmte mit seinem Totschläger auf Jippa los. Sie wurde von ihm gegen die Wand geknallt, fing sich einen ziemlich schmerzhaften Schlag gegen die Schulter ein, duckte sich unter dem nächsten weg und nahm mal Abstand. Nur so zehn Meter, kurzer Teleportzauber und sie stand auf der anderen Seite des Raumes. Der blonde Trottel drehte sich verwirrt um ... und sie warf ihm einen Feuerblitz auf die Brust, der seine Rüstung durchschlug, ein bisschen Blut spritzen ließ und ihn gegen die Wand schleuderte.

Das war ziemlich genau der Moment, in dem das verfoohkte Dach stöhnte wie ein ziemlich wütendes Tier und sich in Bewegung setzte. Es hatte so eine ziemlich exotische Schieflage entwickelt, seit der eine Stützpfosten von Miss "Aahahaaaaaa!" weggeräumt worden war. Jetzt rutschte es langsam seitwärts, der zweite Stützpfosten zersplitterte knatternd zu einer Wolke von Trümmerteilen, die allen Anwesenden um die Ohren flogen, die Sonne lachte plötztlich in den Schankraum. Man hörte ziemlich viele Schreie von draußen - die Bewohner der Schachteln merkten wohl, dass es kein Tag wie jeder andere war. Das Dach nahm auch gleich die vordere Wand des Hauses mit. Rechts von Jippa ging es plötzlich ziemlich weit runter, so ungefähr 20 Schritt bis zu den nächsten Häusern unter ihnen. Na ja... und die waren gerade schon von den Trümmern des Daches erwischt worden. Ein Teil fiel Stück für Stück auseinander und Leute rannten schreiend raus.

Sie waren jetzt also auf einer Art Plattform, mit ganz guter Aussicht über Booty Bay. Tasaca und sein neuer Ork-Freund versuchten immer noch rauszukriegen, wer denn jetzt wohl der Bessere im Waffenlosen Kampf war. Willam machte einen Satz nach vorne, kurz bevor die ehemalige Ecke der Kneipe hinter ihm wegbrach und nach unten segelte. Er fletschte wütend die Zähne, zog einen Wurfdolch, warf ihn nach ihr - er prallte ab, aber ihr Schild verschwand endgültig, hatte ziemlich viel Kraft gezogen. Jippa hob die Klaue, rief eine Flamme, holte aus ... und die ganze verkackte Plattform setzte sich jetzt auch mit einem Ruck in Bewegung, wurde schräger, knirschte und krachte laut und ließ sie voll auf den Boden knallen, wobei ihr Feuerball irgendwo zwischen ihr und Willam aufschlug und noch ein Loch in den Untergrund riss.

Tasaca beendete den Quatsch endlich, indem er den Arm des Orks auskugelte, mit Zeige- und Mittelfinger seiner rechten Hand in die Nasenlöcher seines Gegners griff - der daraufhin ziemlich laut wurde - und ihn nach vorne riss. Der Ork ging auf die Knie, versuchte sich aus dem Griff zu befreien und entspannte sich dann, als Tasaca ihm seinen Dolch seitlich in den Kopf rammte.

Inzwischen war dummerweise auch das Haus über ihnen in Bewegung gekommen - es rutschte auf sie zu, während ihre eigene Plattform sich schiefer stellte. Irgendwelche Möbel, ein Handkarren, ein Hühnerkäfig und ähnlicher Kram krachten an ihnen vorbei und stürzten ebenfalls in die Tiefe. Willam kam wieder auf die Beine, schrie Jippa wie ein Berserker an und sprang auf sie zu.

Idiot.

Sie benutzte nochmal den gleichen Trick wie grade (das Blinzeln) und stand jetzt ziemlich genau da, wo er gerade gestanden hatte - was schlecht für ihn war, weil er sie hatte rammen wollen. Ihre Abwesenheit an seinem Ankunftsort führte nun dazu, dass er mit Schwung von der Plattform stürzte, auf halbem Weg gegen den Abhang prallte und dann nochmal zehn Schritt tiefer in eine Trümmerlandschaft aus scharfkantigem, rauchendem Holz krachte.

Und damit war der Kampf schon vorbei. Wie sagte Loox immer? 'Da habe ich ein Leben lang Angst vor dem Sterben gehabt und dann...'. Genau.

"Tja... ich denke ich verlasse die Stadt noch heute", rief Tasaca rüber. Der alte Typo war immer noch lässig wie eh und je, keine Frage. Er stand 15 Schritt von Jippa entfernt, zwischen ihnen flogen die ersten Bretter nach unten, was bedeutete sie konnten schwerlich zueinander kommen. Jippa sah sich um... nicht so gut, die Plattform war schon so weit abgerutscht, dass sie einen sechs-Meter-Sprung nach rechts hinlegen müsste, um auf festen Boden zu kommen.

Tasaca bemerkte ebenfalls, dass sie hier weg mussten. Er warf ihr noch einen kurzen Blick zu. "Ein Rat: Ich würde nicht heute Nacht hierbleiben. Bracko wird davon hören!" Sie nickte ihm zu und deutete eine Verbeugung an. "Und ein Rat von mir: Wirklich Tasaca, Baby, glaube mir. Ruhestand is' im Ernst nicht dein Ding."

Er lachte bitter aber doch aufgekratzt. Dann wandte sich dieser alte Menschenmann um, machte einen Satz, den ein Typo in diesem Alter eigentlich gar nicht machen können sollte, und sprang die immerhin vier Meter rüber zum nächsten Steg auf seiner Seite und war außer Sicht. Und Jippa spürte wie das Holz unter ihr ein letztes Mal knirschte, wie sich die Plattform weiter neigte und sich der endgültige Zusammenbruch ankündigte. Das konnte echt schmerzhaft enden.

Sie sprang. Aber nicht die unmöglichen sechs Meter zum Steg, sondern nur zwei - zu dem runtergefallenen Hühnerkäfig, der halb zerbrochen in ihrer Nähe lag. Als sie ihn erreichte, krachte die Stelle nach unten, auf der sie gerade noch gestanden hatte. Die Plattform bewegte sich jetzt so schnell wie ein Raptor im Trab. Als sie ein Huhn gepackt hatte, neigte sich die Welt langsam in die Senkrechte. Als sie dem gackernden Mistvieh endlich eine Feder (na ja, in der Eile eine ganze Klaue voll Federn) ausgerissen hatte, verlor sie den Boden unter den Füßen. Als sie die Feder angepustet und den Zauber "Federfall" gesprochen hatte, wurde sie von Tischen, Stühlen, der Theke, zwei Leichen und diversem anderen Schrott überholt. Der Eisenofen verfehlte sie um etwa eine Handbreite. Unten verteilte sich der Trümmerregen in die Nachbarschaft, der Ofen kullerte ziemlich weit durch einige andere Häuser hindurch. Sie sah interessiert zu, während sie sanft dem sicheren Boden entgegen schwebte.

Das nächste Schiff am nächsten Morgen zu nehmen, war tatsächlich eine blöde Idee. Tasaca finden zu wollen war in dem Chaos unmöglich. Bracko war kein ganz ungefährlicher Typo - sie erinnerte sich an ihn, irgendwie hatten sie mal Qu'aath gespielt, ein paar Worte gewechselt. Er hatte nicht den Eindruck gemacht, zu der weichen Sorte zu gehören. Und sie fühlte sich durchaus ein wenig angeschlagen, auch wenn ihre Seite nicht mehr blutete.

Also war ein schneller Abgang angeraten. Und deshalb kämpfte sie sich durch Mengen aufgescheuchter Booty-Bayler zum Stadttor, rief ihren Raptor Neh'jin mit der magischen Pfeife (nützliches Dingo) und schlug sich in den Dschungel. Vermied drei Tage lang alle Straßen, machte nur kurze Pausen, checkte ab und zu die Verletzung an ihrer Seite und drückte sich selbst die Klauen, dass sie einen ordentlichen Vorsprung hatte. War gar nicht so ohne gewesen, der Kampf.

Und dann fing es an zu regnen, und sie war völlig übernächtigt und in keiner guten Laune, und sie steckte sich trotz des Regens eine an und...

Ayah. Das hatten wir ja schon.


→ Lies weiter: Qu'aath über Lanzenspitze - Teil 2

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