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Qsicon Exzellent.svg Dieser Artikel wurde am 23. Juni 2014 als Spotlight der Woche vorgestellt.

I

Es war ein interessanter Anblick.

Im einem Moment lag der Eingang der Höhle noch friedlich und scheinbar verlassen da, im nächsten Moment konnte man trotz der grellen Mittagssonne das Flackern von Feuer in der Dunkelheit zwischen den Felsen sehen. Schreie ertönten, Rauch quoll aus dem Versteck der Burningblade hervor und dann sprintete ein junges Trollmädchen, so schnell, als würde sie fliegen, durch den Ausgang. Hinter ihr folgten drei Orks der dämonenanbetenden Burningblade, die wild ihre Waffen schwangen. Einer von ihnen qualmte und fiel nach einigen Schritten gerade nach vorne um.

Das Mädchen war flink. Sie rannte wie der Teufel, setzte behende über einen Riss in der trockenen roten Erde Durotars hinweg, und vergrößerte den Abstand. Sie warf keinen Blick über die Schulter zurück - was sehr klug war, denn wie jeder weiß fällt der Verfolgte immer dann auf die Nase, wenn er einen Blick nach hinten riskiert.

Die Verfolger beschleunigten und verkürzten die Distanz. Aber dann erreichte die Kleine einen sanften Abhang, sprang, riss die dünnen Arme in die Luft, schrie eine Silbe auf Darkspear und verschwand mit einem "Plop". Einige Meter entfernt tauchte sie mitten in der Luft wieder auf und ruderte wild mit den Armen, was auf mangelnde Übung bei der Landung hindeutete. Sie traf den abschüssigen Boden mit ihrem Hintern (der in einer ziemlich knappen, kurzen Stoffhose steckte) und rutschte noch ein paar Schritt weiter abwärts. Durch den Staub, der überall an ihr und ihren Klamotten klebte, sah sie eher rot-braun als blau aus.

Die Burningblade blieben oben am Abhang stehen - der Vorsprung des Mädchens war zu groß und das wussten sie. Die zwei breiten Ork-Gestalten verharrten und blickten nach unten.

Die Kleine rappelte sich auf. Sie wirkte für einen Moment leicht verdutzt weil sie blind war. Dann stellte sie fest, wo das Problem lag, griff nach ihrem Stand-Zopf aus pinkem Haar, der ihr bei der Landung nach vorne gerutscht und über die Stirn und die Augen gefallen war, richtete ihn wieder auf, blinzelte zufrieden grinsend und drehte sich zu den Orks um.


"Das ist ein interessanter Anblick", sagte Brogh der Zerstörer von seiner Beobachtungsposition aus.


"Hehehehehe! Zuu'da wacka ush!" Die Kleine stemmte inzwischen die Hände in die Hüften und rief den Orks etwas zu. Dann begann sie, ihren Unterleib in eine kreisende Bewegung zu bringen. Ihr kleiner Hintern hüpfte vor und zurück und ihr Kopf und Hals bewegten sich in einer exotisch anmutenden, fließenden Bewegung von links nach rechts, dann wieder von rechts nach links.


"Ja", sagte Katanka, von den meisten nur "der Große" genannt, der neben Brogh an einen Felsen gelehnt stand. "Das ist wirklich ein interessanter Anblick."


"Hakk-hakk pati!!!"

Die Kleine drehte sich einmal um die eigene Achse, hob ihren linken Arm in einer schlangenartigen Geste, lachte erneut ein lautes "Hehehehe!", macht einen kleinen Luftsprung, landete mit gespreizten Beinen und federnden Schenkeln, beugte sich vor und streckte den Orks ihre Zunge in voller Länge heraus, wobei sie die Augen weit aufriss. Dann dreht sie sich mit einem weiteren Luftsprung um 180 Grad, zeigte den Burningblade ihren wackelnden Hintern und tanzte, die Hände an die Hüften gelegt, weiter, während sie sie fröhlich beschimpfte und über ihre Schulter hinweg beobachtete. "Pati pookk zana hele! Hehehehehe! Woosh!"

Einer der Burningblade hob eher unmotiviert eine Faust und drohte dem Mädchen lustlos. Dann wandten sie sich um und gingen, begleitet von den plappernden Beschimpfungen des kleinen Dings, zurück zu ihrem Lager.


"Was ist das?", fragte der Große.


"Lassaaa! Kadi'kunda pakka ney! Et'a cha'loa bay!" Die Kleine drehte sich wieder zu den Orks, lachte noch einmal und legte eine Hand unters Kinn, mit der sie dann eine universelle Beleidigungsgeste ausführte. Dann nahm sie mit flinken Bewegungen ihren Rucksack ab, setzte sich im Schneidersitz auf den Boden und packte etwas zu essen und eine Wasserflasche aus. Jetzt war sie voll auf ihre Mahlzeit konzentriert und wirkte dabei äußerst zufrieden.


"Das", sagte Brogh, "ist 'ne junge Trollin. Willkommen in Durotar, Großer. Was meinst du? Reden wir mal mit ihr?"

II

Die Kleine hörte sie näherkommen - kein Wunder, denn erstens konnten weder Brogh noch der Große schleichen, zweitens machten sie absichtlich viel Lärm, damit sie sich nicht überrascht und in Gefahr fühlte. Als sie ihre knirschenden Schritte auf dem steinigen Boden hörte, sah sie sich schnell um, stopfte sich noch einen Bissen Brot in den Mund und stand auf, wobei sie ihren Holzstecken aufhob.

Sie sah die zwei mit aufmerksamen Augen an. In ihrem Gesicht hielten sich Neugier, Vorsicht und irgendwas Drittes die Waage, das Brogh nicht deuten konnte. Er kannte ein paar Trolle, klar - aber man brauchte angeblich ziemlich lange, bis man aus denen schlau wurde. Seltsames Volk. Das Mädchen wartete ab und ließ sie näher kommen. Als sie auf fünfzehn Schritt heran waren, vollführte sie eine Geste mit ihrer linken Hand und Brogh bekam das deutliche Gefühl, dass er besser etwas sagen sollte, bevor sie sich wegen eines Missverständnisses in die Haare kriegten.

"Lok'tar! Hallo Mädchen. Wir sind keine Burningblade." Er nickte in Richtung des Großen. Katanka war ein Taure, zwei Köpfe größer als Brogh, muskelbepackt, mit einer Zweihand-Keule in seiner linken und diversen Amuletten und Ketten die um seinen mächtigen Hals hingen. Es sollte eigentlich ziemlich leicht verständlich sein, dass sie nicht zum Kult gehörten. Die Kleine folgte mit ihrem Blick seinem Nicken, musterte den Großen eingehend und zwinkerte zweifelnd.

"Bornii'bleeth?" Sie zischte kampfeslustig und hob ihre Hand etwas höher. Die Luft darüber flimmerte...

"Nein verflucht, KEINE Burningblade", schnaubte Brogh. Er runzelte die Stirn... sah nicht so aus, als würde die Kleine gut Orkisch sprechen. "Wir dienen Thrall. Thrall, dem Kriegshäuptling, klar?"

Sie blinzelte erneut und das Flimmern verschwand. "Drall ah ii's Kiing aye? Saya Drall?" Die Trollin blies ihre Backen auf, markierte mit einer passablen Pantomime einen breitschultrig staksenden Ork und sah Brogh fragend an.

"Also... ja Thrall. Thrall, der Kriegshäuptling. Herr der Horde."

Ihr Gesicht leuchtete auf. "Hordah sa'bueno, mon. Hordah, hah? Hordah ishta woosh! Du kampf für da Drall, aye? Is big Boss in Oga'rimmah?"

Brogh nickte. So weit, so gut. "Ja. Ja genau, also nimm die verdammte Hand runter. Wir sind hier alle Freunde."

Das Mädchen musterte ihn und den Großen noch einmal misstrauisch (der Große sah kaum weniger misstrauisch aus), dann zuckte sie die Achseln, senkte ihre Hand endgültig und beugte sich zu ihrem Essen herunter. Sie biss noch ein Stück Brot ab und warf Brogh den Rest herüber. Sie sah den Großen immer wieder neugierig an. Hatte vermutlich noch nie einen Tauren gesehen.

Er fing es mit einer Hand. "Na danke. Brot. Ich bevorzuge Fleisch würde ich sagen, aber gut..." Brogh nahm einen Bissen, kaute und bemühte sich um ein zufriedenes Gesicht, während er sich in einer 'schmeckt das gut'-Geste mit einer Hand den Bauch rieb. "Spitzenbrot, Kleines. Wie ist dein Name?"

Sie dachte kurz nach. "Se'ti Jippa."

"Setidschippa, gut also..."

"Ahno!" Sie hob eine Hand mit erhobenem Zeigefinger um seine Aufmerksamkeit zu bekommen, deutete dann mit dem Finger auf sich selbst. "Se'ti..." Und klopfte sich dann mit der flachen Hand gegen den Brustkorb. "...Jippa." Sie wiederholte es noch einmal. "Jiiippa, okeh?"

"Gut...." Brogh runzelte leicht die Stirn. "Also Großer, das ist Dschippa, würde ich sagen."

"Jiippa!" Sie nickte, setzte sich wieder in den Schneidersitz und biss von einem weiteren Kanten Brot ab. Sie schien ziemlich viel Brot dabei zu haben, für ein so dünnes Mädchen. Genau genommen hortete sie es scheinbar - ihr ganzer Rucksack war vollgestopft damit.

"Wir sind Brogh"- er deutete auf sich selbst - "und Katanka."

Sie sah Katanka, den Großen, an. Grinste und nickte. "Mondo bii'k."

"Wenn wir so weitermachen, sterben die verdammten Burningblade aus, bevor wir sie angreifen, Brogh."

Brogh seufzte. Wäre er etwas dümmer geboren worden, wäre er jetzt ein einfacher Grunzer in Orgrimmar und hätte solche Sorgen nicht. Unglücklicherwiese hatte ihn das Schicksal mit einer für einen Ork-Krieger überdurchschnittlichen Intelligenz gestraft. Es war erbarmenswert langweilig für ihn gewesen, Grunzer zu sein. Ein brauchbarer Verstand brachte immer wieder Probleme mit sich. Zum Beispiel erwarteten die Leute ständig von ihm, dass er wusste wie es weitergeht.

Er deutete auf das Mädchen - Jippa - und dann in Richtung der Höhle. "Du jagst Burningblade?"

Sie kicherte mit vollem Mund. "Hehehehehehe. Da'bleeth is' stupido buttafooko. No'skills. Isch 'ab ma'stronmojo, mon. Hehehehehe."

"Gut, throm'kar... also..." Brogh sprach möglichst langsam und deutlich. "Wir jagen auch die Burningblade. Jagen, verstehst du? Gold. Bezahlung für tote Burningblade. Kopfgeld?" Jippa verengte leicht die Augen, dachte über das Gehörte nach und nickte dann.

"Willst du dich uns anschließen? Du kannst zaubern, ja? Du hast Magie? Zu dritt sind wir stärker." Er dachte kurz nach und setzte dann murmelnd hinzu "Und außerdem überlebst du keinen Tag mehr, wenn du so weitermachst."

Sie wandte den Kopf halb von ihm ab und hob die Brauen. "Ah. Ihr un' mi machen Tii'm?" Sie führte die Hände zusammen. "Okeh. Aber no'fookah." Sie unterstrich es mit einer fast süß anmutenden, verneinenden Geste.

"Was sagt sie?" "Keine Ahnung."

"No fookah, no boom-boom."

"Ja gut meinetwegen, also mach das wie du willst, Kleines."

"Jiiippa!"

"Ja, Dschippa, also mach das wie du willst, Dschippa. Bist du bereit? Wir würden dann jetzt losgehen, die Höhle überfallen und alles töten was sich da bewegt. Gut?"

Sie erhob sich bemüht würdevoll und klopfte sich Staub vom Po. Dann fischte sie einen in ihrer Hand geradezu gigantisch wirkenden Zigarillo aus ihrem Rucksack. Sie schnippte mit der Hand, woraufhin eine kleine Flamme entstand, an der sie ihn genüßlich ansteckte. Der Große zuckte leicht zurück.

"Bueno, mon." Jippa paffte eine Rauchwolke aus, hustete und nickte ihnen zu. "Bä'reit, mon."

III

Fünf Tage später.

"WIRT! Mehr Bier, mehr Würzwein. Bring uns mehr Fleisch und verflucht die Tänzerin ist eingeschlafen!! HEY Mädchen!"

Die Trinkhalle "Biergrube" sah aus wie ein Schlachtfeld, auf dem der Kampf nie endete. Hierher kamen die Söldner, Glücksritter und Krieger der Horde, um ihr hart verdientes Silber zu vertrinken, zu verspielen und mit Tänzerinnen durchzubringen. Der Wirt Vaathuk schloss nie seine Türen - wer morgens unter einer der langen Festtafeln in seinem Erbrochenen aufwachte, der hatte vielleicht Hunger auf ein ordentliches Schweinegulasch oder verlangte etwas gegen seinen Nachdurst. Vaathuk war ein alter Veteran und wusste, wie man seinen Kunden glücklich macht und dafür sorgt, dass möglichst viel von ihrem Gold in seine eigenen Taschen kommt.


Zerfledderte Banner aus verschiedensten Schlachten hingen an den rauhen Steinwänden der Bierhalle. Daneben Waffen, die offensichtlich beim Tod diverser Wesen und Leute eine entscheidende Rolle gespielt hatten, und die Vaathuk schon aus Gründen der Nostalgie nie gesäubert hatte, eher er sie ausstellte. Im mächtigen Kamin brannte trotz der Sommerhitze ein loderndes Feuer. Hinter der Theke drangen Flüche aus dem Kochbereich, wo fast ununterbrochen Kessel brodelten und Pfannen zischten. Die Halle war groß genug, um ein Banner Grunzer aufzunehmen, aber höchstens ein Drittel der Plätze war heute Morgen gefüllt. Ein paar Untote spielten an einem der Wand-Tische mit Würfeln und beschimpften sich gegenseitig in der Gossensprache. Fünf Trolle saßen an einer der anderen Tafeln und zogen regelmäßig an ihrer Wasserpfeife, die sie immer wieder mit schwarzpinken Kräutern auffüllten. Es roch in der ganzen Halle nach Bier und Holz, Leder, dem billigen Parfüm der Tänzerinnen, Bratfett und dem Schweiß der Gäste. Brogh liebte diesen Bierhalle. Sie hatte verdammt nochmal alles, was man brauchte, um sein Geld durchzubringen.


Es war irgendwie früher Vormittag - schätzte er. Sie waren jetzt seit ungefähr zwei Tagen in Ogrimmar und hatten die letzte Zeit ausschließlich hier verbracht. Thrall hatte gezahlt, oh und wie er gezahlt hatte. Thrall war großzügig gewesen. Brogh grinste und griff nach seinem halbvollen Bierbecher. Beim zweiten Versuch traf er ihn, aber er stieß ihn um, so dass sich der Inhalt auf dem Tisch verteilte. Daran nahm natürlich niemand anstoß, denn der ganze verdammte Tisch sah ohnehin aus wie ein Schweinestall. Becher, Krüge, Flaschen, Schüsseln mit abgenagten Knochen, matschig gewordene Weintrauben, Schnapspinnchen und dergleichen mehr bedeckten fast die gesamte Oberfläche. Brogh gegenüber saß Katanka, der Große. Oder lag. Oder etwas... dazwischen. Sein riesiger Schädel war vor rund einer Stunde auf die Tischplatte geknallt und er bewegte sich nicht mehr. Aber er schnarchte, also ging es ihm sicher gut.


Neben dem Großen saß das Mädchen. Jippa hatte zuerst misstrauisch, dann mit glänzenden Augen zugesehen, wie ihr Brogh vor Thralls Palast ihren Anteil der Belohnung in die ausgestreckte Hand zählte. Als sie zur Bierhalle gegangen waren, war sie ihnen gefolgt. Sie waren alle in verdammt guter Stimmung gewesen, hatten eine Runde nach der anderen ausgegeben, ein paar Freunde hier und da getroffen (und mit ihrer Freigiebigkeit natürlich schnell noch mehr Freunde gewonnen). Sie hatten gefressen, gesoffen und den Tänzerinnen Münzen zugeworfen, bis die armen Mädchen nach und nach den Geist aufgegeben hatten. Dann hatten sie mehr gesoffen. Dann waren sie eingeschlafen. Dann waren sie aufgewacht und hatten Bier und Fleisch bestellt. Dann....


Verdammt, wie lange waren sie eigentlich schon hier?


Die Kleine starrte jedenfalls mit glasigen Augen ins Nichts und rülpste lautstark. Sie hatte sich den Magen vollgeschlagen als gäbe es kein Morgen, hatte jedes Mal wie irre gekichert, wenn sie für eine ihrer Münzen Nachschlag bekam und hatte mit ihnen gefeiert, irgendwann auf Trollisch Zeug in den Raum geschrieen, das andere anwesende Darkspear zum Lachen gebracht hatte und hatte zuguterletzt selbst auf dem Tisch getanzt. Dann hatte sie ihren dritten Nachschlag bestellt und wieter gefuttert, bis sich ihr Bauch wölbte als würde sie bald ein Kind zur Welt bringen. Eins stand fest - wo Jippa herkam, schien es keine regelmäßigen Mahlzeiten gegeben zu haben.


"Alles klar, Kleines?" Brogh griff sich einfach einen anderen der halbvollen Becher vom Tisch, roch daran, stellte fest dass der Inhalt Schnaps war, und goss ihn herunter.

"Eh mai Name is' Jippa", schnaufte sie matt und völlig geschafft. Aber sie sah zufrieden aus. Ihr Orkisch war in den letzten Tagen rasant besser geworden. Sie war eine schnelle Lernerin, das musste man ihr lassen.

"Trom'kar, ich weiß. Du bist Jippa. Und du hast gut gekämpft." Er lehnte sich über die Tafel, wobei er fast von der Bank rutschte und sich aufs Maul legte, und hielt ihr seinen Becher hin. Sie stieß mit ihm an und nahm selbst noch einen Schluck.

"Das is' busi'ness von da' Soldnah? Du machst kampf un' dann hol' Silbah und feiah so?" Sie rülpste nochmal.

"Harr! Ja, ja Kleines, das ist was wir tun! Der Große und ich kennen uns da aus, es ist sozusagen unsere Spezialität. So machen wir Geschäfte."

Sie blinzelte. "Ge-Schäft is' Busi'ness, aye? Gut-Tes Ge-Schäft, gute Be..." Sie dachte kurz nach. "Zahlung." "Ja verdammt, sehr gute Bezahlung, wenn man sich die richtigen Auftraggeber sucht." Bragh lehnte sich noch etwas weiter vor und hob erklärend einen Zeigefinger.

"Für Leute wie uns gibt's nicht viele Regeln. Wir tun was wir wollen. Wer stärker ist hat Recht und wir lassen uns keine Vorschriften machen. Aber ein paar Regeln gibt's schon: Faire Arbeit für fairen Preis. Du erfüllst die Wünsche deiner Auftraggeber. Du behandelst deine Partner fair. Du bescheißt niemanden, mit dem du Seite an Seite kämpfst. Du tust was du tun musst, um den Auftrag zu erfüllen. Dafür kannst du auch erwarten, dass dein Auftraggeber dich nicht bescheißt. Es geht bei der Sache auch um Respekt.

Und wenn du deine Bezahlung bekommen hast, dann feierst du, dass es dich diesmal nicht erwischt hat." Er lachte und griff sich einen anderen Becher. Dann hustete er und spuckte den Dreck, den er gerade getrunken hatte, wieder aus. Irgendwer musste im Lauf der Nacht reingeascht haben. Er spülte mit einem anderen Becher nach.

"Der Große und ich reisen bald wieder ins Brachland. Kennst du das Brachland?"

Sie schüttelte den Kopf und schwankte dabei leicht.

"Ein großes Land im Westen. Viele Aufträge. Sag mal... was hast du jetzt vor? Diese Feuerkugeln und was du so kannst, das ist nützlich. Das war gut, wie du den Kerl mit der Axt angezündet hast. Wir könnten ja vielleicht noch 'ne Zeitlang gemeinsam reisen, was sagst du dazu?"

Jippa grinste breiter, stützte sich am Tisch ab um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Sie dachte nicht lange nach, sondern sah sich nur kurz in der Bierhalle um und nickte dann.

"Ayah, du, ich und Bii'k". Sie deutete auf den Großen. "Isch werd Soldnah, mon, mach busi'ness."


Einer der Trolle war inzwischen von seiner Pfeife aufgestanden und schlenderte zu ihnen herüber. Er nickte Brogh geschäftsmäßig zu, musterte die Kleine aus der Nähe und zog eine Silbermünze. Er sagte irgendetwas auf Darkspear, was Jippa dazu veranlasste ihn anzusehen, verneinend den Kopf zu schütteln und ihm mit ein paar Sätzen zu antworten. "Was will der?"

Jippa winkte ab als sei die Sache erledigt, aber der Troll schien das anders zu sehen. Er beugte sich vor, sagte noch etwas und griff nach einer Strähne ihres Haars. Sie zog den Kopf zurück und zischte verärgert. Brogh musste nicht mehr besonders intensiv darüber nachgrübeln, was der Kerl wollte.

Der Große, dessen Kopf immer noch neben Jippa auf dem Tisch lag, bewegte sich kein bisschen. Jedenfalls bewegte er nichts bis auf seinen linken Arm, der jetzt ziemlich schnell nach oben fuhr und dessen Hand sich mit einem fleischigen Klatschen um den Unterarm des Trolls schloss. Katankas Kopf blieb auf der Tischplatte und man konnte nur seine murmelnde Stimme hören, während er den Druck langsam erhöhte.

"Verpiss dich, Schrumpfkopf." Er drückte etwas fester zu und der Arm des Trolls knirschte, während er jammernd auf die Knie ging. "Das ist unsere Partnerin, Jippa."

Als die Kumpels des Darkspear ihre Messer zogen und aufstanden, mischten sie sie auf. Und dann reisten sie zu dritt ins Brachland weiter.

IV

Zwei Jahre später.


Brogh saß auf einem Stein. Manchmal hatte er das Gefühl, die Hälfte seines Lebens bestünde daraus, nur auf verdammten Steinen zu sitzen oder unter Felsvorsprüngen zu hocken oder an Bäume gelehnt zu stehen. Warten. Das war nun mal eine der Hauptbeschäftigungen von Söldnern. Warten, dass endlich etwas passierte. Man gewöhnte sich daran, aber man musste es ja nicht mögen.

„Sie ist spät dran.“ Der Große saß ebenfalls auf einem Stein und stocherte mit einem Ast im Lagerfeuer. Ein Ebenenschreiter betrachtete sie mit einem dämlichen aber dennoch neugierigen Ausdruck in den Augen und watschelte weiter. „Ob sie noch lebt?“

Brogh knurrte und fuhr sich mit der Zunge über die Zähne. Er mochte die Frage nicht.

„Ich meine, die Kleine hat gesagt, dass es eine harte Prüfung ist, wenn ein Mojo-Werfer sich von seinem Meister lossagt. Sie sagt man kann dabei draufgehen. Wir campieren hier jetzt seit einer Woche und sie kommt nicht. Wäre doch blöd wenn wir hier warten, während sie…“

„Halt die Klappe verdammt!“ Brogh blinzelte und senkte dann leicht entschuldigend den Kopf, als er Katankas erstaunten Gesichtsausdruck sah. Er fuhr nicht oft so aus der Haut und der Taure hätte jedem anderen für einen solchen Ausbruch einen Arm ausgerissen und ihn damit verprügelt. Aber sie kannten sich lange, und der Große schien es nicht persönlich zu nehmen.

„Hey Brogh“, sagte er bedächtig. „Jippa macht das schon. Sie hat was drauf.“

„Klar, hat sie.“ Brogh schnaubte und kickte einen Stein weg. „Hat sie.“ Sein Gesicht hellte sich etwas auf, als er an die letzte Zeit dachte. Sie waren nicht die ganze Zeit über mit ihr gereist, aber doch verdammt lange. Dann und wann hatten sie getrennt voneinander Geschäfte gemacht und sich einfach für diese oder jene Woche dieses oder jenes Monats in Crossroads oder Sun Rock verabredet. Es war immer gut, mit ihr zu arbeiten. Und sie schien es immer noch genau so zu sehen.

„Weißt du noch, wie dieser Säge-Roboter versucht hat sie einzuholen? Harrharr! Ich dachte ernsthaft das Ding kriegt sie. Und sie macht ihren „Plopp“-Trick genau hinter ihn und bläst ihm die Beine weg.“

„Genau, da kam man leichter an seinen Kopf. Und dann die Sache mit den Harpyien.“

„Ja bei Thrall! Ich dachte meine letzte Stunde hätte geschlagen bis dieser Feuerball....“

„Und als uns dieser Untote bescheißen wollte.“

„Sie kann Leute gut einschätzen.“

„Kannst du wohl laut sagen.“

„Als der Pirat sie angeschossen hat, dachte ich sie geht drauf. Hat geblutet wie ein angestochenes Schwein.“

„Trolle. Schwer zu töten.“

„Harrharr kannst du wohl sagen! Aber bei den Geistern, hat sie geflucht! Einen Tag lang hat sie geflucht.“

„Dafür hat sie die Bezahlung hochgehandelt.“

„Sie hat ´ne Menge gelernt.“

„Ja.“

„Ja.“

Sie grinsten beide… einen Moment lang. Dann wurden sie wieder nachdenklich und stocherten gemeinsam im Feuer herum. Vielleicht war die Kleine jetzt tot. Vielleicht nicht. Man konnte eben nur warten.

Etwa in diesem Moment erklang von jenseits der Büsche ein lauter Ruf.

„Eh Typos, was geht? Seid ihr noch da? Ich hab Schnaps!“

Brogh sah einen Moment länger ins Feuer, langsam stahl sich ein Grinsen auf sein Gesicht. War schon erstaunlich, wie man sich manchmal freuen konnte, die Stimme so einer kleinen Göre zu hören.

Er und Katanka sahen zu de Buschwerk aus Savannengewächsen, das ihren Lagerplatz umgab. Die trockenen Äste wurden knisternd zur Seite geschoben, Schritte näherten sich und die Kleine kam in Sicht.

Jippa war seit ihrer ersten Begegnung noch ein Stück gewachsen und sie war nicht mehr so dürr wie an dem Tag vor zwei Jahren, als sie sie kennen gelernt hatten. Trotzdem würde sie immer relativ klein und schmal für eine Trollin sein. Sie trug keine Lumpen und Stofffetzen mehr, wie damals auf der Jagd nach den Burningblade. An ihre Stelle waren eine brauchbare Weste aus grünem Leinen und eine ziemlich mitgenommene Kappe in derselben Farbe gerückt. Die Hose war immerhin länger als das Ding von damals. Am Gürtel schimmerten kleine Perlmuttsplitter und der Stab in ihrer Hand sah zumindest nicht mehr so aus, als hätte man ihn aus einer Müllgrube gefischt. Sie machte ein bisschen was her und sah wenigstens halbwegs nach einer Magierin aus.

Brogh hatte nie verstanden, warum Magier sich nicht einfach auch ein paar brauchbare Kettenrüstungen zulegten – wer war schon so bescheuert, nur in Stoff bekleidet in den Kampf zu ziehen? Aber andererseits hatte Jippa in den letzten Jahren alles überlebt, was so auf sie zugekommen war, Stoff hin oder her. Und in einer Weste sah die Kleine immerhin besser aus als es in einem Eisenpanzer der Fall gewesen wäre.

Sie grinste, als sie auf die freie Fläche zwischen den Büschen trat und hob lässig eine Hand zum Gruß. Irgendetwas hatte ihre Kleidung hier und da zerfleddert und sie hinkte leicht, als sei ihr linker Fuß verletzt. Trotzdem wirkte sie verdammt zufrieden.

„Fucko da seid ihr Zwei ja. Gibt’s was zu futtern?“

Brogh bemühte sich um ein todernstes Gesicht. „Sag mir erstmal, ob du bestanden hast, Kleines. Dann sehen wir weiter ob’s was für dich gibt.“

Das was sie vorher gezeigt hatte, war nur der Schatten eines Grinsens gewesen. JETZT grinste sie.

„Sag mal mann, wie redest’n du eigentlich mit mir, du hässlicher, gewöhnlicher Ork? Hast du keinen Res’pekt vor Mama Jippa? Ich meine Mama Jippa kommt hier friedlich an diesen Ort um `n wenig zu palavern, einfach mal quatschen, so abchecken was für Geschäfte du am Haken hast, und du begrüßt Mama Jippa auf so ´ne räudige Art?“

Katanka schnaubte lachend, Brogh setzte an etwas zu sagen. Sie zog eine Feldflasche unter ihrem Cape hervor und warf sie ihm rüber.

„Der beste Schnaps, den ich in Crossroads kriegen konnte. Ich lebe noch. Ich bin Mojo-Mama. Feiern wir das, Peken’jos.“

Brogh entkorkte und trank einen Schluck, dann gab er die Flasche an den Großen weiter. Sie setzte sich zu ihnen und warf ihren Rucksack in eine Ecke.

„Harr, ja du lebst noch. Was für eine Prüfung hat er dir gestellt, dein Meister?“

Jippa nahm die Flasche von Katanka, setzte an und nahm einen kräftigen Zug. Sie schnippte und steckte sich einen Zigarillo an.

„Kann ich nicht verraten, mann. Ist ein Geheimnis des Mojo. Würdest du nicht verstehen. Im Ernst.“ Ihre Augen blickten einen Moment lang seltsam verschleiert in das Feuer. Oder durch das Feuer hindurch. Ja, das wäre die bessere Beschreibung für diesen Blick gewesen. Dann lächelte sie und atmete tief ein.

"Ich steh noch leicht unter Dampf, mann, obwohl die Prüfung jetzt schon Tage her ist. Fucko, ich brauch bald jemand für ne Runde Booom, um das abzulassen."

Sie warf den beiden einen kurzen Blick zu und winkte ab. Brogh und Katanka taten synchron das Gleiche. Wenn sie nach diesem Auftrag in die nächste größere Stadt kamen, würde jeder auf seine Weise amüsieren. Manchmal im gleichen Freudenhaus, aber alles andere stand nicht zur Debatte.

„Also mann, worum geht’s? Ihr wollt mal wieder zu dritt losziehn? Was is’ das Ziel, wer bezahlt und wie viel bezahlt er?“ Katanka stieß Luft durch die Nüstern und musterte Jippa aus seinen kleinen, schwarzen Augen.

„Bist du jetzt nicht so was wie eine respektable Trollin? Ich meine, du trägst einen Titel und bist jetzt, wie nennt man das, Eine Mo-Dscho…“

„Mojo-Mama.“ Jippa winkte ab und ihre Gedanken weilten für einen Herzschlag ganz woanders. Brogh war sich sicher, dass Katanka es nicht bemerkte. Manchmal verfluchte Brogh sich dafür, dass er so verdammt aufmerksam war. Dann kam das Grinsen zurück. „Aye, ich bin Mojo-Mama. Aber scheiß drauf, ich wollte Papa Bango nur was beweisen. Und ich setz’ mich jetzt sicher nicht in irgend `nem Dorf zur Ruhe um mir einen Schüler zu suchen. Die alten Traditionen interessier’n mich nicht, mann. Ich bin Söldnerin, ich verdien’ gutes Silber. Ich mach was ich will. Is' mir scheißegal, was der alte Bastard sich wünscht.

Also? Wo geht’s hin?“


In dieser Nacht hatte Brogh die zweite Wache. Die Sterne standen klar und groß am schwarzen Himmel des Brachlandes. Er ließ seinen Blick über die im Dunkeln liegende Lichtung schweifen, in deren Mitte das Feuer langsam zu rot glühender Asche herunterbrannte. Insekten zirpten im Savannengras und eine Großkatze versuchte sich anzuschleichen. Er starrte sie mit gefletschten Orkzähnen an, bis sie sich entmutigt verzog. Er dachte nach.

Die Kleine war ein verrücktes Ding gewesen, als sie sie gefunden hatten. Völlig ziellos, nur darauf aus sich mit Leuten anzulegen, Risiken einzugehen und Spaß zu haben. Eigentlich war sie immer noch die Selbe, aber… es war seltsam. Er sollte verdammt zufrieden damit sein, wie sie sich entwickelt hatte. Als einer ihrer Kampfgefährten – ein Troll, der sich Cameo nannte – im Kampf getötet wurde, hatte sie es weggesteckt und nur ganz kurz ein bisschen geheult und eine Menge über den Tod gelernt. Sie war nicht weggerannt, sie war bei ihnen geblieben.

Er hatte ihr beigebracht, wie man um eine gute Bezahlung feilschte. Er hatte ihr gezeigt, wie man Wunden näht, Wachen besticht und gute von schlechten Hehlern unterscheidet. Er hatte sie, glaubte er, eine Menge nützliche Dinge gelehrt.

Und deshalb wunderte sich Brogh manchmal darüber, warum es sich so seltsam anfühlte, sie nach ein paar Wochen oder Monaten wieder zu treffen und festzustellen, dass sie wieder ein Stück besser geworden war.

V

Drei Monate später.

"Für THRALL!!!" Brogh wirbelte herum und riss sein Hauschwert mit Wucht nach oben. Der Spieß des Ragetotem-Kriegers wurde zur Seite gelenkt, der graubefellte Taure gab einen erstaunten Schrei von sich. Brogh trat ihm gegen den Brustkasten, schleuderte ihn rückwärts, drehte sich einmal um die eigene Achse und spaltete seinem Gegner den Oberkörper. Er stieß ihn zur Seite weg, Blut spritzte ihm ins Gesicht und er wandte sich dem nächsten zu.

Er war ein Ork. Er war ein Ork, der seinen Kopf benutzen konnte, ja... aber Blut ist stärker als das Hirn. Blut ist stärker als alles.

Manchmal, wenn man kämpfte, übernahm das Blut. Es pulsierte in den Adern und füllte die Muskeln mit Leben, es rauschte durch das Gehirn wie eine tosende Macht und es wollte mehr Blut sehen. Immer mehr. Und mehr. Und mehr.

Besonders heute.


Die Lichtung war friedlich gewesen, umringt von mächtigen Kiefern und sattgrünem Gebüsch, bedeckt mit einem Polster aus duftenden Nadeln. Jetzt war sie ein Schlachtplatz. Er nahm es nur am Rande durch den roten Schleier vor seinen Augen war. Er hatte Katanka in der Ferne schreien gehört. Er musste zu seinem Freund. Und dann waren sie über ihn hergefallen.

Fünf Angehörige der Ragetotem lagen verstreut auf dem Waldboden, zwei standen noch. Brogh war verwundet aber das war gleich. Er wusste, dass zwei Pfeile aus seinem Brustkorb ragten, aber auch das war gleich. Er hatte Katanka schreien gehört. Das war nicht gleich. Er kannte seinen Freund seit Jahren, seit der Schlacht von Hyjal. Katanka schrie nie. Katanka war immer ruhig, besonnen, brummig und zuverlässig. Katanka wurde nie laut. Diesmal hatte er geschrien, und es hatte nach Schmerz und Angst geklungen.

Die zwei verbliebenen Ragetotems waren massige Tauren mit schwarz-grauen Fellen, gerüstet mit Kettenpanzern und Lederzeug. Sie näherten sich ihm vorsichtig, von links und rechts gleichzeitig, die kleinen, glitzernden Augen verbissen auf ihn gerichtet. Er verharrte für einen winzigen Moment - seine Wut gab ihm Kraft, aber es war doch sein Verstand, der ihm im Kampf schon so oft das Leben gerettet hatte. Sein Verstand, der selbst ihn selbst durch diese Berserkerwut hindurch noch ein wenig geschickter sein ließ, als einen gewöhnlichen Grunzer. Fast keine Chance, beide zu erwischen bevor sie ihn zu seinen Ahnen sandten. Fast.

Zeit für einen guten Tod.

"FÜÜÜÜR..... THRAAAAALLL!" Er wirbelte herum, täuschte zum linken Gegner an, machte einen Halbschritt zur Seite, wich einem Kriegshammer aus, war plötzlich seitlich des zweiten Ragetotem, der nicht mit dem Manöver gerechnet hatte. Er schwang seinen Zweihänder mit Wucht und hörte seine Armsehnen unter der Spannung knirschen. Der Taure kreischte auf, als er ihm das Bein aufschlitzte. Er verlor das Gleichgewicht und stürzte. Brogh wirbelte zu dem anderen herum und sah, dass der bereits ausgeholt hatte. Zu langsam.... vorbei. Sein letzter Kampf.


Und dann wurde es plötzlich warm, als würde ihm die Sommersonne ins Gesicht scheinen. Nein, heiß. Als würde er direkt vor einem heißen Kaminfeuer sitzen. Vom Abhang über ihnen ertönte ein dröhnendes Knistern und gelbweißes Licht schoss rasend schnell durch das Halbdunkel unter den Bäumen. Der Taure wurde getroffen, zur Seite geschleudert, schrie auf, kreischte als er lichterloh in Flammen aufging. Brogh stieß einen unartikulierten, wilden Schrei aus, machte einen Satz nach vorne und trennte ihm den Schädel vom Rumpf. Eine Blutfontäne spritzte in die Höhe, der Körper taumelte, tat noch einen Schritt und brach brennend zusammen.

Er wusste, dass es die Kleine war. Sein Verstand wusste, dass es die Kleine war, die ihm seinen Arsch gerettet hatte. Aber sein Blut hatte immer noch die Herrschaft über ihn. Er wandte sich zu dem anderen, gestürzten Gegner um, trat ihm seine Waffe aus der Hand, hob den Tauren auf ohne sein Gewicht zu spüren, warf ihn gegen den Stamm einer Fichte, trat ihn wieder zu Boden als er aufzustehen versuchte und...

Irgendwann verschwand der Schleier. Er wischte sich Blut und Hirnmasse aus dem Gesicht ohne zu wissen, wie sie dahin gekommen waren. Die Kleine war da. Das war gut.

"Los.... los wir müssen..." Er konnte kaum stehen. Verdammt er konnte kaum atmen. Egal. Er drehte sich schwerfällig um und stapfte in Richtung ihres kleinen Lagers.


"Fucko BROGH! Hör mir zu mann!" Das war die Kleine. Sie stand neben ihm, einen blutigen Riss in der linken Wange, Schweiß und Ruß im Gesicht. Ihre dünne Hand lag auf seinem Arm als könnte sie ihn damit aufhalten. "Hör zu du verfoohkter Idiot bleib STEHEN die sind hier überall!"

"In die Richtung da..." Er stapfte weiter und zog sie mit sich. Es war unglaublich mühsam, einen Fuß vor den anderen zu setzen. "Mach schon Kleines.... können später noch...."

Sie stellte ihm ein Bein, er stürzte, schrie wütend auf als sie sich von hinten auf ihn warf. Er griff nach ihr, schleuderte sie weg, stemmte sich auf die Füße. Als sie flink wieder auf die Beine kam und sich gegen ihn warf, packte er ihre Kehle, um ihr das Genick zu brechen. Ihr Hals fühlte sich zwischen seiner linken Hand und seinem rechten Unterarm wie ein Zweig an. Sie hielt ihn nur auf, er musste zu Katanka.

Dann klärten sich seine Gedanken. Sie standen einige Herzschläge lang nur so da, atmeten beide schwer und sagten kein Wort. Sie sah ihm in die Augen und er bemerkte, wie schrecklich hart ihr Blick war.


"Leg los, mann. Gib's mir richtig mit." Jippas Stimme war rauh, aber sie zitterte nur sehr leicht. "Nur 'ne kleine Handbewegung, dann halt' ich dich nicht mehr auf und du kannst dich umbringen lassen."

Brogh atmete entsetzt aus, fiel auf den Hintern und starrte sie fassungslos an.

"Ich.... Kleines ich.... aahm... ich..."

"Du bist erledigt mann, und es ist zu weit zum Lager. Und es gibt viel mehr von denen hier. Komm auf die Beine du Arschloch, wir müssen Deckung suchen." Sie rieb sich mit einer Hand abwesend über den Hals und sah sich um. Als er keine Anstalten macht aufzustehen, sondern sie nur weiter anstarrte, drehte sich sich wieder zu ihm und schrie ihn mit ihrer Mädchenstimme an, die langsam die Stimme einer Frau wurde.

"Steh auf du verkackter Ork, du Idiot du verfoohkter dämlicher Krieger!! BEWEG DICH wenn du nicht sterben willst du Arsch!" Sie packte seinen Arm und half ihm auf, riss ihn fast auf die Beine. Sie führte ihn zum Berghang, zu den dichten Gebüschen unter den Bäumen. Dann wusste er nichts mehr. Er schlief und sie entfernte die Pfeile und verband ihn und er starb nicht.

Sie rettete ihn, weil sie einen kühlen Kopf behielt. Später fragte er sich, warum ihn das störte. Jetzt war er ihr dankbar.


Sie fanden Katankas Leiche am nächsten Morgen, unten bei ihrem Lager, aufgespannt zwischen den Bäumen. Sie hatten Aufträge für Thunder Bluff erledigt und den Ragetotem Ärger gemacht. Die Ragetotem hatten sich gerächt.

Danach jagten sie sie einen Monat lang, töteten jeden den sie finden konnten, sammelten die Köpfe von Häuptlingen und Schamanen, brannten Lager nieder. Das machte es nicht besser, aber sie waren es dem Großen schuldig. Jippa machte es sich leichter, indem sie es als Geschäft betrachtete. Sie plünderte jede Leiche, sammelte Taurenhörner zum Verkauf an die Goblins, tat als wäre es nur ein weiterer Auftrag. Brogh war es gleich. Das Ergebnis zählte. Die Ragetotem bereuten vielfach, dass sie sie an diesem Tag nicht alle drei erwischt hatten.


Und dann trenneten sie sich, ohne besondere Rituale oder Abschiedsschmerz. Sie verabredeten sich für den nächsten Sommer zu einem Treffen in Sun Rock, aber keiner von ihnen ging dorthin.

VI

Acht Jahre später…

Es war ein ruhiger Abend gewesen, bis der Angriff begann.

Brogh hatte Männer für die Wache eingeteilt, hatte an Derrin übergeben und Hauptfrau Nahira Bericht erstattet. Dann hatte er sich auf den Weg zu seinem Zelt gemacht.


Der Himmel über dem Hügelland war klar, die ersten Sterne schimmerten durch das tiefer werdende Blau des Himmels wie Brillianten, die mit zunehmender Dunkelheit an Kraft gewinnen würden. Hier und da lachten Männer und Frauen. Hier und da wurde um Beute gestritten. Einige Raptorhäute trockneten auf Holzgestellen. Von den Lagerfeuern wehte der Duft frischen Fleisches herüber. Er nahm sich vor, ein wenig zu schlafen und danach, wenn er aufwachte, etwas zu essen.

Es war eine ruhige Anstellung. Und eine die sich in vernünftigen Maßen bezahlt machte. Keine große Beute aber auch kein übermäßiger Ärger. Ein gutes Auskommen für einen Ork der langsam alt wurde.

Broghs Arme waren noch stark und er konnte nach wie vor mit einem Zweihänder umgehen, aber die Reflexe ließen nach. Und es gab nur noch selten gute Partner zu finden, die das ausgleichen konnten. Die meisten, mit denen er herumzog, waren Dummschwätzer und Betrüger, denen man kaum den Rücken zuwenden konnte. Er trennte sich so schnell wie möglich wieder von ihnen ohne es zu bedauern. Als er einen jüngeren Orkschamanen einmal fragte, ob die Geister ihnen heute einen guten Kampf senden würden, und der mit „lol“ antwortete, hatte er ihm die Fresse poliert und ihn liegen lassen. Mit solchen Leuten konnte man nicht arbeiten.

Manchmal dachte er an die alten Tage, an seine Glanzzeit und an die Kämpfe die er bestritten hatte. Manchmal fragte er sich, ob er sich in seiner Jugend mehr Mühe hätte geben sollen, einen guten Tod zu finden. Vielleicht hatte ihm sein verfluchter Verstand dabei zu oft einen Strich durch die Rechnung gemacht.


Aber immerhin hatte ihm sein Verstand auch wieder einmal geholfen. Das Syndikat hatte Pläne. Das Syndikat wollte seine Position ausbauen. Und das Syndikat heuerte Söldner an, um seine Lager zu verstärken. Egal woher sie kamen, egal ob Orks oder Menschen. Es war langweiliger Wachdienst, aber es spülte ein wenig Silber in seine Taschen. Und alles in allem respektierten sie ihn hier, bewunderten es wie er mit seinem Zweihänder umgehen konnte und ließen ihn ansonsten in Ruhe. Er hatte wieder einen Vertrag, und das fühlte sich gut an. Er war noch nicht nutzlos.

Brogh strich sein graues Haar zurück, legte seine Waffe zur Seite und nickte einer Menschenfrau zu, die ihn angrinste und sich selbst gerade bereit für die nächtliche Wachschicht machte. Heute war ein wichtiger Bote von einem der anderen Lager angekommen und Hauptfrau Nahira hatte doppelte Vorsicht befohlen. Er legte sich hin und schlief wie ein Stein.


Dann begann der Angriff. Schreie klangen durchs Lager. Stahl kreischte, Büchsen donnerten, Feuer fauchte. Überall trampelten Schritte. Als er halb verschlafen mit dem Zweihänder in der Faust aus dem Zelteingang stürzte, konnte er sehen, dass es kein kleiner Angriff war. Genau genommen konnte er sogar auf den ersten Blick sehen, dass das Syndikat verlieren würde.

In der Schwärze der Nacht tanzten die Schatten der Kämpfenden vor dem Hintergrund brennender Zelte. Pfeile und Kugeln zischten durch die Luft, trafen die planlos herumrennenden Männer und Frauen und hielten blutige Ernte. Eine gewaltige Säbelzahnkatze sprang dazwischen umher und zerfetzte einen Kämpfer nach dem anderen. Es lag bereits ein Dutzend Tote und schwer Verwundete herum. Andere flohen und rannten panisch in die Dunkelheit.

Umgeben von einigen ihrer Leute versuchte Hauptfrau Nahira, drei Dutzend Schritt entfernt, den Boten zu schützen. Ein Untoter mit Schild und Schwert, in eine massive Rüstung gekleidet, stürmte zwischen sie. Ein Feuerball raste aus dem Dunkel heran und traf einen von ihnen, der schreiend zu Boden ging.


Broghs Verstand sagte ihm, dass es Zeit sei zu fliehen. Aber er hatte einen Kontrakt. Er war Söldner. Und ein Söldner, der seine Kontrakte verrät, ist ein Nichts.

Und vielleicht, ging ihm ein nach Blut schmeckender Gedanke durch den Kopf, war dies hier seine letzte Gelegenheit für einen guten Tod.

Er stürmte an, beschleunigte, kam den Kämpfenden näher, während im Chaos des Überfalls überall um ihn herum Todesschreie und Kampflärm erklangen. Eine Trollin war am Rand seines Blickfelds aufgetaucht. Links von ihm. Er wandte ihr den Kopf zu, wusste dass sie zu den Angreifern gehörte und machte sich bereit, auf sie zuzusetzen. Und dann zögerte er, kniff die Augen zusammen und blieb stehen.


Jippa war älter geworden… wie lange war es her? Sie war jetzt eine Frau. Immer noch schmal für eine Trollin, immer noch untersetzt… aber kein Mädchen mehr, sondern sicherlich fünfundzwanzig, dreißig Jahre alt. Sie bewegte sich mit sehr aufrechtem Gang, in dem nichts Verspieltes mehr lag. Auf ihrer reich bestickten Weste schimmerten magische Symbole. An zweien ihrer Finger glänzten Ringe, die mit teuren Steinen verziert waren. Der Stab war neu, er schien aus einem weißen Holz oder Elfenbein gefertigt zu sein und war runenverziert. Sie trug ihr Haar noch so, wie sie es früher getragen hatte, ihr Gesicht war noch das gleiche. Aber alles an ihr wirkte schroffer, reifer und härter. Sie verzog keine Miene, während sie über einen Toten stieg, die Hand hob und einen Gegner mit einem Feuerschlag in ein brennendes Zelt schleuderte.


Dann bemerkte sie Broghs Gestalt und wandte sich zu ihm um. Sie deutete mit dem Stab auf ihn, sah in sein Gesicht… erkannte ihn…


Sie sahen sich beide über zehn Schritt Entfernung an, während um sie herum der Kampf tobte. Sie verharrten. Er konnte erkennen, dass ihre Miene etwas weicher wurde. Sie öffnete die Lippen und sah ein wenig überrascht aus, die Härte blieb in ihrem Gesichtsausdruck, wurde aber gemildert. Er war sich seiner grauen Haare bewusster denn je. Er fragte sich voller Staunen, wo das verrückte Mädchen geblieben war, dass vor den Burningblade getanzt und in seinem Rucksack Unmengen von Brot gehortet hatte.

Und dann war der Moment vorbei, riss wie ein Faden aus feinster Seide. Hinter sich hörte Brogh Hauptfrau Nahira aufschreien. Dann ein wütendes Fauchen des Untoten, als auch er getroffen wurde. Er war Söldner. Er hatte einen Kontrakt. Es gab Regeln.

In Jippas Augen sah er das, was auch in seinen zu erkennen sein musste.

Er stürmte an und sie sprach eine Formel. Sein Zweihänder durchdrang ihren magischen Schild, fuhr in ihre Schulter. Seine Faust traf ihre Magengrube und raubte ihr den Atem. Dann war sie fort, einfach verschwunden und er erinnerte sich mit blendender Helligkeit an den Tag, als er und der Große sie in Durotar getroffen hatte. Als sie auf ihrem Hintern lachend den Abhang hinunter gerutscht war, weil sie den „Plop“-Zauber noch nicht richtig beherrschte.

Er drehte sich um, wusste dass er zu langsam sein würde und dachte mit Erstaunen daran, dass dies vielleicht nicht der schlechteste Tod sein würde. Dann hüllte ihn das Feuer ein.


Schmerz, Licht, Dunkelheit… mehr Schmerz.

Als er wieder zu sich kam, war ihm kalt. Er konnte die verbrannten Reste seiner Rüstung knirschen hören, als er sich leicht bewegte. Er biss seine Zähne zusammen, um ein Stöhnen zu unterdrücken. Es war still, der Kampf beendet. Über den Gipfeln des Arathi-Gebirges kroch der erste helle Streif des Morgens hinauf.


„Aaharrh, die Botschaft. Wirr habän die Botschafft.“ Die zischende Stimme des Untoten ging in ein Glucksen über. Jemand anderes knurrte zufrieden. Eine Säbelzahnkatze gab ein verspieltes Fauchen von sich und Brogh konnte einige Schritt entfernt Knochen splittern hören. Das Tier fraß sich nach dem Kampf satt.

„Bueno.“ Jippas Stimme klang gefühllos und rau. „Verzieh’n wir uns. Zeit die Bezahlung einzustreichen.“

„Wirr könntän hier noch rastän, Maama. Wirr könntän…“

„Ich bin irgendwie nicht so auf Reisen um mitten in Leichenfeldern zu campieren, mann. Wir rasten in Tarrens Mühle, das is’ noch verkackt hässlich genug. Gegen Mittag sind wir da.“

„Ärrmh meinätwägän… gut jarrh…“

„Klasse. Nehmt euch den Scheiß, auf den ihr so steht. Ohren, Schmuck, was auch immer. Dann hauen wir ab. Tazz’dingo?“


Er konnte sie noch einige Minuten lang hören, bevor sich ihre Schritte entfernten. Dann war er alleine. Brogh war wütend auf sich selbst, weil er nicht versucht hatte aufzustehen. Sie hielten ihn für tot, und er hätte die Überraschung nutzen können, um zumindest einen von ihnen mitzunehmen. Aber er war liegen geblieben, hatte sich still verhalten und abgewartet. Weil sein Verstand ihm das befahl. Sein verdammter Verstand! Jetzt würde er hier an seinen Verwundungen sterben, ein jämmerlicher und ehrenloser Tod. Er war sich sicher, dass er sogar zu schwer verletzt war um zu stehen. Dummer, alter Krieger…

Brogh wälzte sich auf die Seite um vor Wut zu schreien… und sah das Fläschchen voll sattroter Flüssigkeit, den Heiltrank, den jemand direkt neben ihm achtlos in das zertrampelte Gras geworfen hatte. Er kämpfte mit sich ob er es tun sollte… aber letztlich griff er es mit gefühllosen Fingern und trank es aus.


Als er zwei Tage später Tarrens Mühle erreichte, war Jippa längst fort.

VII

Sie sahen sich nur noch einmal wieder. Jahre später, als Brogh Ogrimmar besuchte.


Es war ein heißer, staubiger Tag. Die Sonne brannte auf eine überfüllte Stadt nieder.

Das Gewimmel in den Straßen und Gassen war kaum erträglich. Händler, Reisende und Stadtbewohner drängten sich über Marktplätze, durch Straßen und Aufstiege. Bewaffnete und Soldaten, Bauern, Boten, Peons und Handwerker mühten sich durch die Menge. Angebundene Kodos schrieen durstig nach ihren Besitzern. Trolle auf Raptoren und Orks auf wild knurrenden Reitwölfen, das Fell der Tiere rötlich bestäubt vom Straßenschmutz, preschten durch die engen Wege. Blutelfen standen in kleinen Gruppen in Ecken und Seitensträßchen beisammen und diskutierten, Verlassene schleppten sich mit glühenden Augen durch die sommerliche Hitze und verbreiteten einen trockenen Geruch, der an das widerlich süße Aroma von gezuckertem Zimt erinnerte.


Brogh fand die „Biergrube“ so leicht wieder, als wäre er nur eine Woche lang nicht in diesem Teil der Stadt gewesen. Er war jetzt alt. Ja, alt, anders konnte man es nicht sagen. Aber er musste den zwei jungen Ork-Schlägern am Eingang nur einen Blick zuwerfen, dann wichen sie zur Seite. Sie hatten vermutlich keine Ahnung wer er war und dass er einst zu den Stammgästen dieses Lochs gehört hatte - aber die Narben in seinem Gesicht und der immer noch starke Leib dieses alten Mannes sagten ihnen genug. Sie nickten ihm beide knapp zu, als er an ihnen vorbei in die abgedunkelte Halle trat. Sie störten sich nicht daran, dass er Stoff und Leder – die Kleidung eines Bauern – trug.


Drinnen setzte Brogh sich an eine der gut besetzten Bänke und erhielt nach einigem Warten ein Bier. Es war laut, die Luft angeschwollen mit dem Gegröhle von Betrunkenen, lautem Gelächter und aneinander klirrenden Krügen. Eine Vielzahl angenehme und unangenehme Gerüche drangen in seine Nase. Er trank die warme Brühe mit einer Art wehmütigen Genusses. Er erkannte kein einziges bekanntes Gesicht in der Menge… aber der Gestank, der Lärm, die laute, aggressive Ausgelassenheit waren noch gleich. Manches änderte sich wohl wirklich nie.

Er dachte an Katanka, der nun seit Jahren in seinem Grab im Steinkrallengebirge ruhte. Er hoffte, dass die Geister seinen alten Freund sicher geleitet hatten.

Wenn nicht, trugen sie jetzt vielleicht ein paar Narben und hatten gebrochene Nasen.


Er saß eine lange Zeit nur da und wartete. Um ihn herum kamen und gingen die Gäste, schlangen ihr Essen in sich hinein, warfen den Tänzerinnen auf der erhöhten Bühne Silber und Kupfer zu. Wie jung sie alle wirkten… manchmal striff ihn der angewiderte Blick eines jungen Orks, der vielleicht hoffte, nie so alt und nutzlos zu werden, wie der alte Mann an dieser Bank, der es nie geschafft hatte, einen guten Tod zu sterben.


Irgendwo im Durcheinander, an einer der Bänke hinter Brogh, ertönte über den Hintergrundlärm hinweg die Stimme einer Trollin. Es war eine weibliche, ein wenig raue, durchaus angenehme Stimme. Die Frau sprach gutes Orkisch – auch wenn man nach ein paar Sätzen an ihrer Art sich auszudrücken merkte, dass es für sie eine Fremdsprache war. Broghs Haare stellten sich auf, als er sie reden hörte.


„Daran erkennst du einen guten Söldner, mann“, sagte die Frau. „Faire Arbeit für fairen Preis. Du erledigst was deine Auftraggeber wollen – is klar schätze ich. Und du kannst dafür erwarten, nicht beschissen zu werden. Du hältst mit deinen Partnern zusammen, so lange der Auftrag dauert. Es geht bei der Sache um Res'pekt. Das is' eine der wenigen Regeln, aber sie is' wichtig. Sie is’ meiner Ansicht nach von Bedeutung, verstehst du mann. Du tust was du tun musst, um den verfoohkten Auftrag zu erfüllen. Und wenn du am Abend noch lebst, dann gib das Gold aus und sei zufrieden, dass es 'n guter Tag war.

Das erläuterte mir so einst ein verkackt weiser Ork. Und der Typo hatte recht.“

Jemand antwortete mit einem heiseren Grunzen. Brogh achtete gar nicht auf den anderen. Sein Kopf drehte sich wie von selbst, bis er sie sehen konnte.


Die Kleine saß eingerahmt zwischen einem mächtigen Tauren, der fast so groß war wie einst Katanka, und einem Ork in dunklem Leder. Mit ihren schmalen Schultern verschwand sie beinahe zwischen den beiden. Einige Trolle und Trollinnen in grünen Wappenröcken saßen bei ihnen an der Bank. Es wurde geraucht, Schnaps getrunken, hier und da wurde weißes Pulver geschnupft. Alles redete durcheinander. Jippa hatte einen Schnapsbecher vor sich und einen Zigarillo in der Hand. Als Brogh zu ihr schaute hob sie den Blick, sah ihn einen Moment lang an, ohne ihn zu erkennen, und öffnete dann verwundert ihre Augen etwas weiter. Sie schauten sich ein paar Herzschläge lang an, wie zuletzt im Hügelland. Dann stand sie auf, klopfte dem Tauren neben sich auf die Schulter und ging zu Brogh, während die Meute an ihrem Tisch weiterzechte.


„Brogh.“ Sie musterte ihn kühl. „Lok’tar, Jippa.“ Er deutete auf die andere Seite der Bank. Sie zögerte kurz, dann setzte sie sich ihm gegenüber. Sie hatte ein schmales Schwert an ihrer Seite, trug kostbare Ringe und ein enganliegendes Gewand aus teurem Stoff, das ihre Reize betonte. Außerdem, stellte Brogh fachmännisch fest, würde es beim Kämpfen absolut keine Behinderung darstellen. Und das bemerkten die meisten, die ihr Ärger machen wollten, vermutlich viel zu spät und auf schmerzhafte Weise, während sie noch auf Jippas Titten konzentriert waren.


Ihr Gesicht war unbewegt. Genau wie ihre Stimme. Von dem Mädchen, das vor zwanzig Jahren vor den Burningblade getanzt hatte, war nichts mehr übrig.


„Du lebst.“

„Du auch.“

Stille.

„Und was geht so, Brogh. Was treibst du.“

Er musste leicht schmunzeln und nahm einen Schluck von seinem Bier.

„Du weißt noch, wann wir uns das letzte Mal begegnet sind?“

„Echt witzig, mann. Soll ich mich entschuldigen? Vergiss es. Du hast es genau so versucht wie ich. Nur dass ich schneller war.“

Er nickte. „Wir waren Söldner. Ich nehme es dir nicht übel – aber du hättest mir den Trank nicht geben sollen. Das war…“

Jippa winkte lustlos ab. „Komm schon, mann. Ich konnte dich schlecht so verrecken lassen. Wusste nichtmal, ob du wieder aufwachst. Der Trank war ´ne kleine Chance für dich, sonst nichts.“

Brogh betrachtete seine breiten, rauen Hände.

„Als ich nach Tarrens Mühle kam, warst du schon fort.“

„Wolltest du mich finden um mich umzulegen?“

„Das weiß ich nicht. Ja, vielleicht wollte ich dich töten. Vielleicht wollte ich dir ein Bier ausgeben. Es ist lange her. Ich kann’s nicht mehr sagen, Jippa.

Aber du warst fort. Als ich nach Hillsbrad kam, hattet ihr einige Höfe niedergebrannt und Menschen getötet. Aber auch da wart ihr nicht mehr zu finden. Also habe ich aufgegeben.

Ich wusste, dass ich zu alt werde. Ich bin nach Durotar zurück gereist.“


„Und jetzt….“ Jippa hob eine Braue und betrachtete seine gewöhnliche Bauernkleidung. Er musste lachen. Er fand, dass er dabei nur ein klein wenig verbittert klang. „Ich reiste ziellos durchs Land. Am Ende bin ich in einem abgelegenen Hof eingekehrt, wusste gar nicht wo ich hin will oder wie’s weiter gehen soll. Da begrüßt mich eine Frau, die… nun, die mich erkannte. Irgendwann auf der Durchreise hatte ich es mit ihr getrieben. Lange her, ich war viel auf Reisen. Aber irgendwann war ich da jedenfalls schon mal gewesen und sie hatte mein Gesicht nicht vergessen.

Sie glaubt, dass einer ihrer Söhne von mir ist. Er heißt Broggh. Ihr Mann ist tot. Ich werde zu langsam fürs kämpfen, aber Bäume weichen nicht aus und einen wildernden Raptor könnte ja selbst ein Peon erschlagen. Das schaffe ich auch noch. Ich lebe auf dem Hof und mach’ mich nützlich. Das Mädchen ist eine brauchbare Herrin. Eigentlich behandelt sie mich eher wie einen Schwager oder so was. Man kann da leben. Es geht mir… gut.“


Jippas gelbe Augen ruhten eine Zeit lang auf seinen. Dann nickte sie. „Is’ vielleicht besser so. Du warst nie der Typ dafür, einfach im Kampf zu sterben. Warst immer zu gut. Und zu clever. Kannst da noch ein paar Jahre haben, die oh key sind.“

Früher wäre er über eine solche Bemerkung wütend geworden. Jetzt nickte er nur müde.

„Und du, Kleines?“

Jippa schürzte die Lippen, zog einen ihrer Zigarillos aus ihrer Gürteltasche und reichte ihn Brogh. Sie entzündete ihn mit einem Fingerschnippen und dachte nach.

„Dies und das. Mache Busi’ness. Schlag’ mich mit Politik rum. Kram und sowas, mann.“

Stille breitete sich zwischen ihnen aus, bis Brogh das Gefühl hatte, er müsse sie brechen.

„Ist viel Zeit vergangen. Du bist so hart geworden, Kleines.“


Jippa zuckte die Achseln.

„Es ist ja auch `ne harte Welt. Ich hab’ im Lauf der Jahre eine Menge Typos verrecken sehen. Hab’ selber eine Menge Typos umgelegt um zu überleben. Bin mehr als einmal fast verblutet. Bin betrogen und abgerippt worden, hab’ mich verbiegen müssen um zu überleben, hab mich mit Abschaum und Pack rumschlagen müssen.

Ich weiß nicht mann. Bin ich härter geworden? Ayah, kann schon sein. Ich vertraue nicht vielen Typos. Ich leiste mir keine verfoohkte Sentimentalität. Ich tu, was ich muss. So kommt man eben durchs Leben. Wer zu weich ist, der schneidet sich zu oft. Ich komm klar.“

„Und bereust du, dass Katanka und ich dich damals aufgegabelt haben? Als wir uns vor dieser Höhle begegnet sind?“


Sie legte den Kopf etwas schief und sprach dann noch bedachter und langsamer als zuvor, fast mit verträumter Stimme. „Ich bin durch das weite Brachland und die Wälder von Ashenvale gereist, wo Feen aus den Bäumen zu einem sprechen. Ich bin von den Klippen Ashzaras gesegelt und hab’ Frostgiganten in Winterspring gesehen, dampfend wie Berge in der Kälte der Nacht.

Ich hab’ im Un’Goro-Krater Raptoren gejagt und war bei der Großen Offensive im Alterac dabei, als wir die Stormpike zurück in die Schlucht gedrängt haben.

Ich hab’ mit anderen Zul’Gurub gestürmt und erlebt wie Hakkar fiel, mann. Ich hab’ erlebt, wie der Dschungel aufgeatmet hat und die Schlangen dankbar flohen. Ich hab’ Ragnaros’ Feuer gespürt. Und erlöschen sehen.

Ich hab’ die Scherbenwelt bereist. Und heute hab’ ich einen Stamm, zu dem ich gehöre. Fucko, frag mich nicht, wieso ich mich auf den eingelassen hab. Das wär’ ne echt lange Geschichte. Aber es sorgt für Abwechslung, so viel is’ sicher. Ich hab’ die ganze Welt gesehen, Brogh. Diese ganze, verkackte, große Welt. Ich bin tausend Mal fast drauf gegangen und ich bin mal so tief gestürzt, dass ich fast weg gewesen wär'. Und ich hab’ Kämpfe gekämpft, in denen ich mich so lebendig gefühlt hab’ wie ein Gott.

Eines Tages werde ich draufgehen. Ich halte dies für sicher. Und das ist okay so. Ich hab' meine Wahl längst getroffen.

Nein, mann. Nein, ich bereue nichts. Keinen verdammten Tag.“


Sehr langsam hatte sich ein Lächeln auf Jippas Gesicht gestohlen, während sie redete. Brogh starrte sie fassungslos an – sie sah mit einem Mal wieder aus wie das dürre, verrückte Mädchen, das sie einmal gewesen war. Die Kleine war nicht verschwunden… sie war noch irgendwo da drin und schaute durch dieses unbewegte Gesicht nach draußen. Jippa sah, dass er es sah. Und zwinkerte ihm zu.


Etwa in diesem intimen und intensiven Moment flog die Tür auf und ein halbes Dutzend Orks in Leder und schwerer Platte betrat die Biergrube. Sie schrieen noch lauter als die anderen Anwesenden nach Bier, Fleisch und Frauen und drängten sich rücksichtslos durch die Menge der Gäste. Sie vertrieben einige Söldner von einer der Bänke ließen sich schwer auf dem knarrenden Holz nieder, warfen streitlustige Blicke überall in den Raum und blickten sich wild und ausgelassen in alle Richtungen um.

Einer von ihnen sah zu Brogh.

„Heh! Verflucht wirf einer den Peon hier raus! Hier feiern Krieger! Raus mit dem Holzfäller-Bastard, bevor ich ihn mir vornehme!!“


Sie wechselten einen Blick. Jippa zuckte die Achseln. Brogh umfasste seinen Becher fester.

„Söldner“, flüsterte Mama Jippa, grinste und zeigte dabei äußerst spitze Eckzähne. „Hakk-hakk pati, mann.“

Brogh nickte ihr zu und spürte etwas in sich, das er schon verdammt lange nicht mehr gespürt hatte. Er stand auf, sah dem jungen Mistkerl in die kampfeslustigen Augen, holte aus und warf ihm seinen halbvollen Becher mit Wucht ins Gesicht. Er konnte sehen, wie der Kopf des jungen Burschen nach hinten geschleudert wurde als er traf und er konnte seine Nase knackend brechen hören.

Er musste Jippa Recht geben. Er bereute auch nichts. Keinen einzigen, verdammten Tag.

Und als die Kumpels des jungen Angebers ihre Messer zogen und aufstanden…


Ende



Diese Geschichte hat Ihnen zugesagt? Der Stamm der Ehrenwerten Anduri und Mama Jippa danken für Ihre Aufmerksamkeit.
Qsicon Exzellent.svg Dieser Artikel wurde am 23. Juni 2014 als Spotlight der Woche vorgestellt.

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